Pro Sieben Paranoia total

Terror-Serien wie "24" und "Homeland" trafen nach den Anschlägen vom 11. September 2001 den Geist der Zeit. Mit "Quantico" parodiert das Genre sich nun unfreiwillig selbst. Der Verfolgungswahn rund um FBI-Agentin Alex Parrish sprengt alle Grenzen.

Von Benedikt Frank

Von New Yorks Grand Central Terminal bleibt nur ein großer Krater. Mittendrin liegt Alex Parrish, seit Kurzem ist sie beim FBI. Der größte Terroranschlag seit 9/11 hat an ihr keinen Kratzer hinterlassen, die Frisur sitzt, und das bisschen Ruß im Gesicht passt auch ganz gut zum Make-up. Schrecklicher Verdacht: Spielt Priyanka Chopra, Schauspielerin aus Indien und Miss World 2000, etwa wegen ihres Aussehens die Hauptrolle in Quantico?

Die anderen FBI-Agenten setzen Alex in ein Büro und lassen sie von ihrer Ausbildung erzählen. Mit einigen Dutzend anderer Rekruten wurde sie neun Monate zuvor auf der Militärbasis Quantico ausgebildet, die der ABC-Serie ihren Titel leiht. In der Pilotfolge entsteht aus dieser Situation ein seltsamer Mix aus postpubertärer Collegeshow und paranoidem Actionthriller.

Denn es wird so heftig gebalzt, als seien die Kadetten das erste Mal den strengen Blicken ihrer Eltern entkommen. Noch bevor Alex in die Nähe des Campus kommt, verführt sie schon den ersten Mann. Das alles geschieht in einem Umfeld, das den in Serien wie 24 oder Homeland vorgeführten Verfolgungswahn vergleichsweise harmlos aussehen lässt.

Beim FBI haben alle ein Kindheitstrauma

Die erste Übung der FBI-Azubis: einen Kommilitonen bespitzeln, Lücken in dessen Lebenslauf aufdecken und schließlich im Lügendetektor-Verhör vor der Klasse ein Geständnis erwirken. Dass dabei jemand durchdreht, überrascht nicht.

Zwischen Kindheitserinnerungen - ein unverarbeitetes Trauma ist offenbar Aufnahmebedingung beim FBI -, der Zeit in Quantico und der Gegenwart des Anschlags in New York wird fleißig vor- und zurückgeblendet. Schnelle Schnitte verschleiern die dünne Handlung. Weil nur hohes Tempo Zuschauer bei Laune hält, simuliert alle paar Minuten eine unvorhersehbare Wendung erzählerische Raffinesse.

Als Alex schließlich klar wird, dass man sie des Anschlags verdächtigt, klingt ihre Reaktion wie eine wohl überlegte Strafverteidigerphrase: "Ich habe keinen Kontakt zu terroristischen Gruppen und empfinde keinen Hass auf dieses Land." Ob schon eine Spezialeinheit gegen die Autoren und Übersetzer ermittelt?

Die Ausbildung der FBI-Leute zum Misstrauensprofi trägt Früchte: Ehemalige Mitschüler helfen Alex. Sie soll Opfer einer Verschwörung sein. Natürlich kann diese nur Alex selbst aufdecken. Natürlich ist jeder verdächtig. Damit zeitweise einige Charaktere verdächtiger sind als andere, setzt Quantico auf Klischees: Die gläubige Muslima verbirgt etwas, der schwule Jude erst recht. Nach 9/11 trafen 24 und andere Paranoia-Thriller den Zeitgeist. Mit Quantico parodiert das Genre sich nun unfreiwillig selbst.

Quantico, seit Mittwoch, 20.15 Uhr bei Pro Sieben.