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"Princess Charming" auf TV Now:Unter Prinzessinnen

Singlefrau Irina (l.) und Finalistin Elsa bei der Entscheidung.

(Foto: RTL)

Reality-TV gilt als Trash-Lieferant. Die erste lesbische Datingshow "Princess Charming" zeigt, was das Genre auch kann.

Von Dennis Müller

Reality-Fernsehen stand noch nie unter dem Verdacht, besonders lehrreich zu sein. Reality-Zuschauer sonnen sich gerne in ihrer Überlegenheit beim Trash-TV-Gucken, wie soll man da etwas lernen? Princess Charming, die lesbische Kuppelshow bei TV Now, wagt deswegen ein großes Experiment. Das Format gewährt Einblicke in eine vielen Menschen eher unbekannte Welt - ohne Häme, ohne sich lustig zu machen, ohne Arroganz.

Das Konzept ist simpel: Wie schon bei Prince Charming, der schwulen Ur-Version der Show, kämpft eine Gruppe von Singles in feinster Bachelor-Manier um das Herz einer scheinbar unerreichbaren Schönheit. Nur steht dort kein gegeltes Unterhosenmodel, sondern Irina Schlauch, 30, Anwältin. "Ich hatte im Vorfeld schon Angst, dass die Show trashig werden könnte, da ich den Cast nicht kannte und im Reality-TV grundsätzlich alles passieren kann", sagt sie der SZ. Diese Befürchtung habe sie in den Vorgesprächen mit der Produktion angesprochen.

Dass am Ende eben kein Format wie das Sommerhaus der Stars rauskam, ist nicht selbstverständlich. Schließlich ist für die queeren Datingformate dieselbe Produktionsfirma zuständig wie für das Format, das im vergangenen Jahr mit Alkoholexzessen und Mobbingattacken auf sich aufmerksam machte. Reality-TV sei in letzter Zeit "vielleicht ein paar km/h zu schnell gefahren", räumt auch Nina Klink ein. Sie ist die Chefin der Seapoint-Produktionsfirma und damit Produzentin beider Formate. An der Verrohung des Genres, sagt Klink, sei der "Höher-schneller-weiter-Wettlauf" der Produzierenden aber nur zum Teil schuld. Sie kritisiert auch die Herangehensweise mancher Teilnehmer. Einige würden nur noch in Formate gehen, um dort mit Skandalen auf sich aufmerksam zu machen.

Drohendes Handgemenge? Sofort wird ausgeblendet, die Kandidatinnen müssen gehen

Dass zumindest Princess Charming solchen Kandidatinnen keine Plattform geben möchte, bewies die Sendung schon in ihrer Auftaktepisode. Zwei Frauen prallten aufeinander, doch bevor man das sehen konnte, was in einem Handgemenge zu münden schien, ploppte eine Texttafel auf. Szenen wie diese hätten in der Sendung keinen Platz, stand da. "Überrascht" sei sie von den Szenen gewesen, sagt Klink, "weil das Format von Anfang an andere Akzente setzen wollte." Das Resultat: Binnen Sekunden mussten die beiden Frauen ausziehen. Julia Zimmermann fand die Entscheidung "wirklich gut", die Szenen nicht zu zeigen. Sie sitzt im Bundesvorstand von Lambda, ein Verband von jungen Menschen aus der LGBTIQ-Community. Die Produktion habe die lesbische Gemeinschaft "dadurch in gewisser Weise geschützt", weil die Community ja ohnehin schon marginalisiert sei und durch eine gewaltsame Auseinandersetzung zum Auftakt nur noch weiter in ein schlechtes Licht gerückt würde. Wichtig sei, dass solche Szenen nicht ausgeschlachtet würden, "wie das ja sonst oft im Reality-TV der Fall ist".

Zuletzt mussten die Zuschauer das bei Promis unter Palmen erleben, für viele der Tiefpunkt im Reality-Fernsehen der vergangenen Jahre. In der Sendung warf ein Kandidat mit schwulenfeindlichen Parolen um sich, ohne dass Format und Sender ihn ordentlich abstraften. Inzwischen hat der Sender das Format abgesetzt, man wolle zwar weiterhin Reality-TV machen, aber Promis unter Palmen "passt nicht mehr zu uns", hieß es damals.

Der Trend könnte weggehen vom reinen Krawall. Princess Charming versteht sich neben einem Unterhaltungs- auch als Aufklärungsformat. Der Spagat gelingt. "Wir haben in dem Prozess alle etwas dazugelernt", sagt Produzentin Klink. Szenen, in denen eine Kandidatin anhand eines Cupcakes den vaginalen und klitoralen Orgasmus vorführt, wirken nicht wie die Sendung mit der Maus für Erwachsene, sondern sind so beiläufig wie elegant ins Dating-Geschehen eingewoben. Dabei lastet als weltweit erste lesbische Datingshow sehr wohl Druck auf dem Format. Eine Verantwortung, es der gesamten Community recht zu machen. Diese sei jedoch nicht "erdrückend", sagt Kandidatin Bine, "sondern eher eine, auf die man stolz ist, weil man gerne das repräsentiert, wofür man steht".

Wichtige Frage: Werden Frauen diskriminiert, die mit einem Penis geboren wurden?

Als die Frauen und die non-binäre Gea im vielleicht beeindruckendsten Moment der Staffel darüber diskutierten, ob die angesprochenen Vulven-Cupcakes Frauen diskriminierten, die mit einem Penis geboren wurden, wurde es kurz sehr ruhig im Haus. Kandidatin Bine war nämlich anderer Meinung, ihre Vorliebe gelte eben ausschließlich Frauen mit einer Vulva. Gea warf ihrer Mitbewohnerin daraufhin vor, diese Haltung sei "transphob". Zwei Sichtweisen, die es innerhalb der Community gibt - und die der Schnitt die beiden austauschen ließ. Sachlich, freundlich, respektvoll. Sechs Minuten lang, ohne Musik, ohne Toneffekte, ohne Schnickschnack. Obwohl es zwei klare Fronten und Tränen gab, normalerweise gefundenes Fressen für den gemeinen Reality-Redakteur.

Was den beiden Parteien anderswo schnell als "Zickenkrieg" ausgelegt worden wäre, nennt Bine auch nach der Ausstrahlung ein "sehr selbstreflektierendes Gespräch", das zwar in Wirklichkeit länger gedauert hätte, aber im Kern dem entspricht, wie es sich im Haus angefühlt hat. Sie habe zwar um die Gefahren des Schnitts gewusst, Angst, die Szenen zu sehen, hatte sie aber nie. Im Gegenteil: "Wir waren sehr froh darüber, dass es einen Platz in der Sendung gefunden hat, weil es zeigt, dass wir auch innerhalb der Community immer noch offen sind, Dinge zu lernen." Am Ende des Gesprächs gab es keine Gewinnerin und keine Verliererin, dafür aber eine Menge Zuspruch im Netz. In langen Beiträgen schilderten Leute und Betroffene ihre Sicht der Dinge. "Das war alles in einem so netten und freundlichen Ton, dass ich schon mit ein, zwei Menschen auf einen Kaffee verabredet bin."

Die Sendung würde durch Szenen wie diese Debatten aus der LGBTIQ-Community die Bühne geben, die sie schon lange bräuchten, sagt Julia Zimmermann vom queeren Verband Lambda. So könnten die Leute zuhören und vielleicht sogar etwas lernen. Das geht jetzt tatsächlich auch beim Reality-TV.

© SZ/hy
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