Pressefreiheit Getarnt als Liebespaar

Polizei auf der Krim - solche Bilder sind heute kaum noch zu erlangen.

(Foto: Thomas Peter/Reuters)

Seit der Annexion wird es für Journalisten immer schwieriger, über die Krim zu berichten - darum greifen sie zu ungewöhnlichen Mitteln.

Von Hannah Beitzer

Eingehakt laufen sie die Straße entlang, als wären sie ein Liebespaar. Die Handykameras verstecken die Reporter unter den Mänteln, damit niemand merkt, was sie tun. So beschreibt Alexander Jankowski die Arbeit kritischer Fernsehjournalisten auf der Krim in der Geschäftsstelle der Organisation "Reporter ohne Grenzen" in Berlin: "Ich weiß nicht, wie lange unsere Korrespondenten ihre Arbeit noch machen können", sagt er.

Jankowski arbeitet für Chernomorskaya TV, bis vor Kurzem der größte unabhängige Fernsehsender der Krim. Vor einem Jahr besetzten russische Soldaten die Halbinsel, die eigentlich zur Ukraine gehört. Danach wurden dort alle ukrainischen Fernsehsender aus dem Kabelnetz genommen, ihr Besitz beschlagnahmt. Einfach so, ohne Entschädigung. "Auf der Krim gelten keine Gesetze", sagt Jankowski. Er lebt nun in Kiew, von wo sein Sender heute sendet.

Heute läuft auf der Krim über Kabel nur noch russisches Staatsfernsehen. Lediglich der krimtatarische Sender ATR durfte bleiben. Auch Zeitungen in ukrainischer Sprache werden nicht mehr auf die Insel geliefert. Chernomorskaya TV können die Bewohner nur noch über Satellit empfangen. Der Sender hat dort noch drei Korrespondenten, die ihrer Arbeit heimlich nachgehen. Sie sind nicht die einzigen, die mit den Machthabern zu kämpfen haben. "Reporter ohne Grenzen" beklagt, dass seit der Annexion Journalisten auf der Krim eingeschüchtert und an ihrer Arbeit gehindert würden.

Am 26. Januar 2015 etwa durchsuchten bewaffnete Uniformierte das Büro von ATR in Simferopol. Die Männer beschlagnahmten Server, unterbrachen den Sendebetrieb. Dabei habe sich ATR, so sagt es Jankowski, zunächst mit den neuen Machthabern arrangiert - um nicht wie die anderen Sender geschlossen zu werden. "Doch anscheinend nicht genug", sagt Jankowksi. Den Journalisten wurde vorgeworfen, "Misstrauen gegen die Staatsmacht" und "russlandkritische Haltungen" zu fördern. Auch Mitarbeiter tatarischer Zeitungen bestellte der russische Geheimdienst in den vergangenen Monaten mehrmals ein, beklagt "Reporter ohne Grenzen". Das Haus einer Bloggerin wurde im September 2014 von der Anti-Extremismus-Abteilung der Krim durchsucht. Die Bloggerin wurde stundenlang verhört. Sie floh schließlich von der Krim, wie viele andere Oppositionelle.

Sie erleiden nun das Schicksal vieler Exil-Journalisten und -Schriftsteller. Sie wollen berichten über das, was in ihrer Heimat geschieht und dadurch an den Machtverhältnissen rütteln. Doch gleichzeitig sind sie abgeschnitten von den Ereignissen, sind auf Quellen und Mitarbeiter angewiesen, die jedoch wegen der Einschüchterungen immer weniger werden. "Ich höre oft: Was erzählst du da vom Leben auf der Krim, du sitzt doch in Kiew", sagt Jankowski. "Aber zurück kann ich nicht, weil ich dann wohl verhaftet werden würde."

Ziel der Machthaber auf der Krim sei es, Kritiker zu vertreiben, sagt Jankwoski. Zurück bleiben die, die ohnehin lieber zu Russland gehören möchten, sich über die höheren Renten freuen und die Regierung in Kiew für Faschisten halten. Oder diejenigen, die sich mit den Verhältnissen arrangiert haben und lieber abwarten, als ihre Heimat zu verlassen.