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Portät:Der letzte Sprachpfleger

Werner Müller war beim BR der letzte Sprachpfleger im Rundfunk. Jetzt ist er im Ruhestand, zumindest offiziell.

Von Aurelie von Blazekovic

Werner Müller Fragen zu stellen ist nicht nötig, er hat sich auf das Interview mit der SZ vorbereitet, und zwar systematisch. Etwa 15 Schnellhefter liegen vor dem 75-Jährigen am Esstisch in seiner Wohnung in Landsberg am Lech. Feinsäuberlich hat er dort verschiedene Themenbereiche aufbereitet, die seine Tätigkeit als Sprachpfleger ausmachten, und von denen er erzählen will. Ausgeschnittene Zeitungsartikel kleben auf buntem Papier, sind markiert mit Textmarker, daneben Bleischrift-Notizen in schönster Schreibschrift und Umrahmungen mit Stabilo. Man erkennt schnell, dass Werner Müller nicht nur 25 Jahre Sprachbeobachter des Bayerischen Rundfunks war, sondern viel länger und vor allem: Lehrer. Deutsch und Latein, seit 1972.

Müller lebt in der Sprache, sagt "Grammatik ist ein Stück Leben". In seinem Wohnzimmer stapeln sich Lexika, am Schreibtisch Duden-Ausgaben. Er sammelt Zeitungsartikel, Stellenanzeigen von Aldi aus dem Lokalblättchen, genauso wie die Visitenkarte seiner Orthopädin. Aufgeklebt auf kariertem Papier, weil er bemerkenswert fand, dass die sich "Facharzt" für Orthopädie nennt und nicht Fachärztin. Überall interessante Beispiele für Sprache, wer sie wie anwendet und wie sie sich über die Zeit verändert. Müller ist ein freundlicher Mann, war Verbindungslehrer für ganze Schülergenerationen und ist bei aller Akribie, mit der er Sprache betrachtet, nicht pedantisch. Eher auf eine, im besten Sinne des Wortes, kindliche Art von ihr begeistert. Als Sprachpfleger des BR hörte Müller das Programm und machte sich seine Notizen. Wenn er unter der Woche in der Schule war, nahm er es auf und verbrachte ganze Wochenenden mit Abhören und Schreiben der Sprachberichte. Bis 2018 kommentierte er dort alle paar Wochen, was ihm auffiel. Den Zeitaufwand musste er diszipliniert begrenzen, sagt er. Vom BR erhielt er eine Pauschale, die "reichte, um ein paar Bücher zu kaufen".

"Wie bin ich also zu dieser Position gekommen?", leitet Müller das Gespräch ein. Das kommt sehr gelegen, nichts anderes hätte man ihn ja auch zuerst fragen wollen. Zum Sprachbeobachter wurde Müller so: Der Vater zweier Schüler, ein in der Gemeinde engagierter Mann, bat ihn in den Achtzigern, die Leitung der Volkshochschule in Gilching zu übernehmen. Später, Müller arbeitete gleichzeitig am Gymnasium und an der VHS, wurde dieser Vater Hörfunkdirektor des Bayerischen Rundfunks und holte ihn zum BR. Müller trat dort die Nachfolge einer echten Sprachinstitution an, Otto Schmid, der den Aufgaben als Sprachpfleger 45 Jahre lang nachging, bis zu seinem Tod 1993.

Der BR war schon zu Otto Schmids Zeiten die einzige ARD-Anstalt und vermutlich das einzige Medienhaus in Deutschland, das sich einen Sprachpfleger leistete. Es gab die Stelle überhaupt nur, weil Schmid, ebenfalls Gymnsasiallehrer, im Jahr 1948 einen Brief an den Intendanten geschrieben hatte, in dem er sich über die Sprechmanieren der Moderatoren von Radio München beschwerte, wie der Sender damals noch hieß. Der BR machte ihn schließlich zum Sprachpfleger, und Schmid hörte täglich eine Stunde BR-Programm und schrieb alle zwei Wochen Berichte, in denen er die Sprache im Radio anmahnte. In ihnen stand beispielsweise, dass man nicht sowieso sagen solle, sondern so.

"Als ich mir seine Berichte ansah, bekam ich großen Respekt", sagt Werner Müller. So sehr ihn die philologischen Kenntnisse und die Genauigkeit des Vorgängers bis heute beeindruckt haben: Müller versteht seine Rolle anders. Obwohl er auch Pädagoge ist - oder gerade deswegen, aber eben einer, der in den Siebzigerjahren anfing - wollte er nie Sprachhoheit ausüben. "Ich muss aufpassen mit dem Maß an Autorität, das ich mittlerweile habe", meint er, und findet Sprachbeobachter ohnehin eine bessere Bezeichnung als Sprachpfleger. Um "präzise Leichtigkeit" geht es ihm. Genau muss Sprache sein und angemessen für ihr Publikum. Das erklärte er schon Lehrerkollegen, die Sechstklässer in Mathe mit ihrer Rede von Addition und Subtraktion überforderten, und später Nachrichtenredakteuren, die zu allzu kompliziertem Satzbau neigten.

Müller ging regelmäßig in die Nachrichtenredaktion und erklärte den Journalisten, wie sie einen guten ersten Satz formulieren, oder warum sie Parataxe und Hypotaxe abwechseln sollten. Die Redakteure mussten währenddessen arbeiten, am Bildschirm Nachrichten erfassen und schreiben. Müller stand am Rand. "Ich war ganz betroffen." Er bekam Respekt vor dem Zeitdruck in der Redaktion. "Journalisten müssen keine Gedichte schreiben", sagt er. Aber verstehen muss man sie, vor allem im Radio, wenn man nebenbei Auto fährt oder die Küche aufräumt.

Sprache ist bei Müller auch Psychologie. "Journalisten scheinen ein gebrochenes Verhältnis zur Schule zu haben", konstatierte er mal in einem Sprachbericht. Auf vier Seiten nahm er sich da abwertende Phrasen aus dem Schulwesen vor, die er im BR hörte: pauken, büffeln, die Schulbank drücken, setzen, sechs! Kein Schüler, kein Lehrer, kein ernsthafter Bildungspolitiker benutzt solche Ausdrücke, schrieb Müller, warum also die Journalisten? Im Schnellhefter "Anglizismen" hat er einen Text aus einer BR-Mitarbeiterzeitung aufgehoben, der so viele englische Wörter enthält, dass er daneben kommentierte: "Comedy?" Ein klares Urteil über korrekten oder nicht korrekten Sprachgebrauch ringt man ihm dennoch fast nie ab, kein "so nicht". Eher ein: "bemerkenswert" oder "ungewöhnlich". Verbesserungsvorschläge formuliert er als Fragen. "Wieso so viele Anglizismen?" Besonders in den früheren Jahren als Sprachpfleger, er fing 1994 an, beschäftigten ihn die neuen englischen Digitalisierungswörter in der deutschen Sprache.

Bevor man Müller nach seiner Meinung zum Gendern fragen kann, dem aktuelleren sprachlichen Reizthema, hat er den entsprechenden Schnellhefter schon selbst hervorgeholt. Er zeigt die Mail eines Hörers, der vorschlägt, anstelle von "die Leser" eine neutrale Form "die Leses" zu verwenden. Müllers Notiz am Blattrand ungewöhnlich forsch: "Nicht Ihr Ernst - oder?" Pluralformen wie Lehrer, Leser, Hörer sind grammatikalisch nicht maskulin, sondern unmarkiert, betont er. Und dass ein Sprecher im Radio die Form "Innen" souverän verwendet hätte, habe er höchstens ein- oder zweimal gehört. Dann lieber gleich beide Geschlechter erwähnen. Er seufzt bei dem Thema etwas hörbarer und sagt: "Ich bin gespannt, wie das weitergeht." Müller weiß, wie schnell man in der Rolle des Sprachpflegers von den falschen Leuten mit einem Beauftragten für Deutschtümelei verwechselt wird. Von krampfhafter Spracherhaltung hält er nichts, spätestens seit er sich mal auf eine Wirtshaus-Veranstaltung zu dem Thema einließ und sie, bestürzt über die Fanatiker im Publikum, früh wieder verließ.

Was sich in seiner Zeit als Sprachbeauftragter des BR außerdem getan hat? Die Hörerzuschriften wurden weniger. Müller bekam sie, weil er bis 2018 in der Bayern-2-Sprachsendung Sozusagen! auftrat und seither als Experte für knifflige Sprachfragen bekannt ist. "Es stirbt eine Generation aus, der die Sprache wichtig ist", sagt er. Die Hörer aus der Schweiz etwa, die ihn fragten, ob es einen Unterschied gebe zwischen Würfelzucker und Zuckerwürfeln, wie das gleiche Produkt dort in verschiedenen Discountern benannt wird. Das Beantworten solcher Zuschriften war ihm die liebste der Aufgaben als Sprachpfleger.

Offiziell ist Werner Müller im Ruhestand. An Schulen springt er immer noch ein, und beim BR ist er noch für den Grammatiktest für angehende Volontäre zuständig, auch wenn der dieses Jahr wegen Corona nicht zum Einsatz kam. Dass mit ihm nun der letzte Sprachpfleger so langsam doch seine Aufgaben abgegeben hat und nicht nachbesetzt wird, findet er schade. Es sollte in jeder Rundfunkanstalt einen wie ihn geben, sagt Müller, "am besten hauptamtlich, aber unbedingt ohne weitere Autoritäten und Befugnisse in der Redaktion".

© SZ/hy
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