Österreich Kampf um die Krone

Die österreichische "Kronen Zeitung" geht selbst nach 60 Jahren keiner Rauferei aus dem Weg. Auch was die Besitzverhältnisse angeht, die gerade ein Immobilien-Investor ordentlich aufmischt.

Von Peter Münch

Als Österreichs Krone n Zeitung in diesen Tagen ihren 60. Geburtstag feierte, da war natürlich auch der Bundeskanzler unter den Gratulanten. Weil das Leben ein Geben und ein Nehmen ist, und weil kleine Geschenke die Freundschaft erhalten, kurzum: Weil es sich wirklich keiner mit der Krone verderben sollte, brachte Sebastian Kurz als Präsent zum Festtag eine ebenfalls 60 Jahre alte Wurlitzer in die Redaktion. Drückt man bei der Jukebox auf die Taste "D1", wird ein allseits für passend erachtetes Lied gespielt: "Für immer jung" von Wolfgang Ambros. Und jung ist die Krone auf jeden Fall in dem Sinne, dass sie auch heute noch so schnell keiner Rauferei aus dem Weg geht.

Das bezieht sich nicht nur auf die Inhalte des bunten Blatts, das an immer neuen Fronten Volkes Stimmung anzuheizen weiß. Es trifft auch auf jenen großen Kampf zu, der seit vielen Jahren um die Besitzverhältnisse - und damit um die Macht auf Märkten und zugleich auf dem Feld der Politik - geführt wird. Dieser Kampf um die Krone ist nun in eine neue, vielleicht sogar entscheidende Runde gegangen. Denn seit dem vorigen November ist der Milliardär und Großinvestor René Benko mit im Spiel, und der mischt alles kräftig auf.

Bei der "Bild"-Zeitung dürfte man vor Neid erblassen angesichts der Zahlen des Boulevard-Bruders

Der Einsatz ist hoch auf allen Seiten, denn die Krone ist ein Juwel auf dem nicht immer funkelnden österreichischen Zeitungsmarkt. Wiedergegründet wurde sie vor 60 Jahren von Hans Dichand, geführt wird sie heute von seinem Sohn Christoph als Herausgeber und Chefredakteur. Selbst bei BILD dürfte man vor Neid erblassen angesichts der immer noch guten Zahlen des Boulevard-Bruders aus dem Nachbarland: Wochentags hat die Krone täglich zwei Millionen Leser, am Sonntag 2,5 Millionen - und das bei 8,7 Millionen Einwohnern in Österreich. Mit gut 700 000 Exemplaren verkauft die Krone wochentags mehr als die nächsten fünf österreichischen Tageszeitungstitel zusammen. Kein Wunder also, dass das vielerlei Begehrlichkeiten weckt.

René Benko erwarb vor einem halben Jahr von der deutschen Funke Mediengruppe einen 49-Prozent-Anteil an deren WAZ Ausland Holding GmbH. Den Essener Verlegern gehört bereits seit 1987 die Hälfte der Kronen Zeitung (überdies halten sie in ihrer Ausland Holding auch noch 49 Prozent am österreichischen Kurier). Unter dem Strich besitzt Benko also nun mittelbar 24,5 Prozent der Krone und er macht kein Geheimnis daraus, dass er nach mehr strebt.

Die Funke-Gruppe dürfte ihm dabei kaum im Weg stehen. Denn der Ausflug in die Alpenrepublik stand für die Deutschen von Beginn an unter keinem guten Stern. Im Rausch der goldenen Jahre auf dem Medienmarkt hatten sie vor gut drei Jahrzehnten einen Deal abgeschlossen, der den Dichands erhebliche Sonderrechte einräumte. Unter anderem hat die Gründerfamilie sich die alleinige Hoheit über die inhaltliche Ausrichtung des Blattes gesichert. Vor allem aber erhält sie eine garantierte Gewinnausschüttung unabhängig vom wirtschaftlichen Ergebnis. Es soll sich dabei um einen hohen einstelligen Millionenbetrag jährlich handeln - und seit vielen Jahren schon wird darüber zwischen den beiden Hälfte-Eigentümern in unzähligen Gerichtsverfahren gestritten.

Der Einstieg des als äußerst tatkräftig bekannten Geschäftsmanns Benko bei der WAZ Ausland Holding war deshalb von vielen als Rache der Funkes an den Dichands interpretiert worden. Die große Frage aber ist, was Benko mit der Krone will? Reich geworden ist der heute 41-Jährige auf dem Immobilienmarkt, zuletzt hat er Schlagzeilen gemacht mit dem Kauf des berühmten Chrysler Buildings in New York. Berühmt wurde er mit der Übernahme der Warenhauskette Karstadt, die er mit dem Kaufhof fusionierte. Nun also ist er plötzlich auch Verleger, und als Vergleich bietet sich da gleich Jeff Bezos an, der Amazon-Gründer, der sich die Washington Post geleistet hat.

Benko beteuert, dass es nicht um Politik, sondern nur ums Geschäft gehe. "Es handelt sich um eine Investition aus wirtschaftlichen Gründen. Andere Motive gibt es nicht", erklärte er wiederholte Male. Als Stichwort nennt er die Digitalisierung, die "die Grenzen zwischen traditionellen Geschäftsmodellen auflösen" soll. Gestritten wird aber weiter analog nach altem Muster zwischen den Dichands auf der einen und Funke/Benko auf der anderen Seite.

Der Streit eskalierte, als die Funke-Gruppe versuchte, Dichand als Chefredakteur abzusetzen

Im März war der Streit eskaliert, als die Funke-Gruppe versuchte, Dichand unter dem Vorwurf falscher Spesenabrechnungen als Chefredakteur abzusetzen. Wie üblich wurden auf beiden Seiten sogleich die Gerichte eingeschaltet. Zudem feuerte die Familie Dichand medial aus allen Rohren zurück. In "Raubritter"-Manier versuche "Immo-Investor" Benko, derzeit, die Bastion Kronen Zeitung einzunehmen, schrieb das auflagenstarke Gratisblatt Heute, das praktischerweise von Dichands Gattin Eva herausgegeben wird. Christoph Dichand schwang sich in der Krone zum Retter vor dem Raubritter auf. Er warf Benko einen "Angriff auf die Unabhängigkeit der Krone und ihrer Redaktion und damit letztlich auf die Pressefreiheit" vor. Und kündigte an, sich "gemeinsam mit der Redaktion mit aller Kraft zu verteidigen".

René Benko, 41, ging ohne Matura vom Gymnasium ab, gründete mit 22 seine erste Firma und stieg als Investor spektakulärer Projekte wie dem "Goldenen Quartier" in Wien auf.

(Foto: Johannes Simon)

Seither liegt so was wie Blei in der Wiener Luft, und im schnellen Takt erfährt das Drama immer neue Drehungen. Der Presse am Sonntag gab der sonst eher medienscheue Benko nun ein Interview, das als Friedensangebot an die Familie Dichand verstanden werden kann. Er bekundet darin sein Interesse an den restlichen Funke-Anteilen, versicherte aber, dass er keine "unfreundliche Übernahme" der gesamten Krone anstrebe. "Partnerschaftlich" sollten Streitfragen wie der Garantie-Gewinn für die Dichands geklärt werden. Und "logischerweise" solle Christoph Dichand Herausgeber und Chefredakteur bleiben.

Einige Tage später folgte die Antwort - in Form eines Interviews, das Christoph Dichand in der Jubiläumsbeilage zum Sechzigsten dem eigenen Blatt gewährte. Von Frieden und Versöhnung war darin nichts zu spüren. Im Gegenteil: Dichand warnte erneut vor einer Bedrohung der Pressefreiheit und einem "Job-Kahlschlag". Süffisant empfahl er: "Wer die Krone kaufen will, der kann das jeden Tag machen. Er braucht nur in die Trafik zu gehen."

Deutlicher geht's kaum. Doch weil in Wien oft nicht einmal jenes Schwarz auf Weiß gilt, was gedruckt ist, wabert nun ein Erklärungsversuch durch die Stadt: Die Jubiläumsausgabe mit dem Dichand-Interview sei schon vor Benkos Offerte in der Presse gedruckt gewesen - es könne also nicht als Absage an das Friedensangebot verstanden werden. Bei der Krone wollte man das auf SZ-Anfrage weder bestätigen noch dementieren. Die Causa bleibt also spannend, vieles ist noch in Bewegung. Das soll ja jung halten, auch mit 60 Jahren.