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Verbraucherschutz:Über die Höhe des Millionenbetrags für den Ausflug nach China wird gestritten

Stellpflug spricht von pauschalen Vorwürfen und "Unsinn" und verweist auf seinen gewonnenen Arbeitsgerichtsprozess. Er ist noch immer Mitinhaber von Öko-Test, sieht sich als Garant für dessen Unabhängigkeit und streitet bei Aktionärstreffen mit der DDVG. Die war Anfang des Jahrtausends bei Öko-Test eingestiegen. Man gewöhnte sich aneinander und ging vor einigen Jahren sogar auf den chinesischen Markt. Über eine Firma in Hongkong gründete die DDVG mit drei lokalen Partnern das Unternehmen Cavete Beijing Consulting Limited, das Produkte bei Öko-Test in Frankfurt prüfen ließ und die Ergebnisse in China veröffentlichte.

Als deutscher Manager vor Ort fungierte der Genosse Thomas Böwer, viele Jahre ein umtriebiger Abgeordneter in der Hamburger Bürgerschaft. Der Ex-SPD-Politiker Böwer und Berendsen als Chef der SPD-Medienholding planten gemeinsam das China-Engagement. Die Idee: Nach zahlreichen Lebensmittelskandalen in der Volksrepublik sei das der ideale Markt für ein unabhängiges Verbrauchermagazin. Hunderte Millionen an potenziellen Lesern, das war die Vision - und nur der Anfang. 2015 verkündete Böwer: Sollte China ein Erfolg werden, "wollen wir in ähnlicher Weise auf andere große Märkte gehen, etwa nach Indien und Lateinamerika". Böwers erste Überlegung, ein klassisches Magazin in China zu verlegen, beerdigte er jedoch rasch. Der Vertrieb und die Zensur, alles viel zu kompliziert, also nur online: 2015 ging die Website Okoer.com an den Start. Eine Mannschaft von fast 50 Leuten hatten Böwer und seine Partner in einem Loft im Pekinger Diplomatenviertel dazu angeheuert. Acht Yuan (ein Euro) wollten sie damals pro Test verlangen, um die Kosten zu decken. Die Paywall wurde nie eingeführt.

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Als Nächstes plante Böwer, Testsiegel zu verkaufen. Firmen, deren Produkte mit "gut" oder gar "sehr gut" abschneiden, sollten für viel Geld mit einem Label für sich werben dürfen. Ein einziger angeblicher Abnehmer, eine Kosmetikkette, lässt sich in Erfahrung bringen. Böwer sagt, das Geschäftsmodell sei nicht gescheitert. Angesichts der chinesischen Gegebenheiten brauche alles "Zeit und Geduld". Die hatten am Ende weder DDVG noch Öko-Test; die beiden zogen sich unter Verlusten aus China zurück. Bei der SPD-Medienholding gibt man Stellpflug eine Mitschuld daran, er habe die chinesischen Partner verprellt.

Das stimme nicht, entgegnet Stellpflug. Er glaubt, dass der Ausflug nach China die DDVG "mindestens zehn Millionen Euro gekostet" hat. Das sei falsch, sagt DDVG-Chef Berendsen. Er spricht von einem einstelligen Millionenbetrag, will das aber nicht näher beziffern. Die chinesische Gesellschaft Cavete, offenbar benannt nach einer Studentenkneipe in Böwers Heimatstadt Münster, gibt es nach wie vor. Nun mit Böwer als Miteigner.

In Deutschland geht der Streit weiter. Auch wenn die SPD-Medienholding von einer Strafanzeige wegen Betrugsverdacht oder einer Schadenersatzklage gegen Stellpflug abgesehen hat. "Wir wollten Öko-Test nicht noch weiter ins Gerede bringen", sagt Berendsen. Stellpflug erklärt, eine solche Attacke hätte er, "und dafür kennt man mich gut genug", sofort mit einer Anzeige wegen falscher Anschuldigung beantwortet. Das Verhältnis ist rettungslos vergiftet.

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