Neuer Kultursender Sky Arts - zwischen Ring des Nibelungen und Amy Winehouse

Ein Drogen-Film über Amy Winehouse oder Portraits alter Hollywoodgrößen in Schwarz-Weiß: Bei Sky Arts kann man wählen.

(Foto: REUTERS)

Der neue Kultursender zeigt Kunst und Kultur so, wie sie früher einmal waren. Ab und zu ist das ganz schön - aber mit Netflix und Amazon kann Sky Arts nicht mithalten.

Von Anne Philippi

Ein nicht ganz so heißer Sommerabend in Berlin, Alexandrinenstraße. Vor der St.-Agnes-Kirche, die jetzt zu Ausstellungsräumen umfunktioniert ist, stehen Shuttle-Autos, aus denen ein paar Frauen in Kleidern aussteigen. Der Sender Sky Arts hat zur Launch Party eingeladen und das an einen der neuen Berliner Kulturorte, in der St.-Agnes-Kirche. Der Bau ist für die nächsten 120 Jahre vom Galeristen-Wizard Johann König gemietet, ist ein neuer Ausstellungsraum und wurde vom Berlin-Architekt Arno Brandlhuber in Richtung Brutalismus umgebaut. Ein Ort für die regelmäßigen Partys des fortschrittlichsten Magazins Berlins 032c, einmal im Monat kann man auf dem Kirchenboden auch Yoga machen, die Stunden sind immer ausgebucht.

Die ehemalige Kirche ist ein bemerkenswerter Ort für diese Party, denn sie ist die richtige Umgebung für Kultur, wie sie im Jahr 2016 funktioniert. Nichts ist mehr trennbar: Technik, Architektur, Körper, Kunst, Religion, Stadt. Ein irreversibler Vorgang, der gerade von einem Kultursender einiges abverlangen würde.

Bei Sky Arts allerdings ist eher die alte Ordnung spürbar. Hier kann man noch zwischen Oper und Ballett, zwischen High und Low, zwischen Kunst und Fotografie exakt unterscheiden, und so geschmackssicher wählen, wie zwischen französischen Spätburgunder oder spritzigem Mosel-Weinchen, zwischen dem Drogen-Film über Amy Winehouse und Portraits alter Hollywoodgrößen in Schwarz-Weiß. Nach ein paar Minuten anschauen hat man das Gefühl, die Programme hätte jemand wie der Franzose Jack Lang zusammengestellt, dieser gut angezogene Weinkenner-Kulturminister aus den Neunzigern. Männer wie er regierten die Kultur vor dem Internet.

Sky Arts lebt in einer anderen Welt und in einer anderen Kultur

Sky Arts hält für die Freunde dieser Kultur ein paar Geschenke bereit, übertrug den Ring des Nibelungen live aus Bayreuth, "ganz im Sinne Richard Wagners, eine möglichst große Anzahl interessierter Kunstfreunde zu erreichen", sagte Katharina Wagner. Für alle, die nicht über 100 Jahre Adelskontakte verfügt, um an Bayreuth-Tickets zu kommen, ist das auch großartig. Trotzdem: Sky Arts lebt in einer anderen Welt, in einer anderen Kultur, als der, wie man sie im Jahr 2016 eigentlich wahrnehmen muss.

Ab und zu ist das ganz schön. Welcher Sender (oder welche Internetserienplattform) würde heute noch eine Stunde lang zeigen, wie der Schriftsteller Philip Roth in seinem Waldhaus sitzt, sein wohl letztes TV-Interview gibt und darüber erzählt, dass die letzten fünf Jahre seines Lebens ohne Schreiben zu seinen glücklichsten gehören, während die Kamera gefühlt fünf Minuten die Bäume vor den Häusern rauf und runter filmt und den Zuschauer quasi bei Philip Roth auf den Schoß setzt, so dass er dessen Ohren studieren kann oder das Kinn. Auch Sofia Coppola bei den Dreharbeiten zu Lost in Translation in einer Dokumentation zu begleiten, kann einen Fernsehabend retten.

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Was man auf Sky Arts jedoch nicht mehr richtig nachvollziehen kann, ist zum Beispiel eine Sendung mit dem Titel Durch den urbanen Kulturdschungel. Eine Sendung, die Begriffe wie "heiße Fashion Talks" benutzt und eine Welt zeigt, die sich wie in den Gründertagen von Miami Vice anfühlt. Eigenproduktionen wie diese zeigen, dass es heute nicht mehr ausreicht, für eine solche Sendung Prominente zu treffen und durch die Welt zu fliegen.

Was also würde man heute auf einem sogenannten Kultursender sehen wollen? Eine Abbildung, eine präzise Abbildung des Moments, in dem wir uns befinden. Das ist möglicherweise kein einfaches Unterfangen, doch genau das macht Netflix und Amazon heute zum wichtigsten Abbilder von Kultur, von Orten und Menschen, die bestimmen, wie wir 2019 leben werden, wie wir Museen anschauen.

All das fehlt Sky Arts ein bisschen. Aber da ist ja immer noch Philip Roth.