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Nachruf auf Michael Jürgs:7500 Zeichen am Tag

Journalist Michael Jürgs

"Wumm!" "Bamm!" Das sagte Michael Jürgs gern, wenn er über etwas Außerordentliches sprach.

(Foto: dpa)

Klug, gescheit, wütend: Michael Jürgs glaubte unbeirrt an den Sinn seiner Arbeit. Nun ist der leidenschaftliche Journalist gestorben.

Wer schreibt, der bleibt, sagt der Volksmund. Der Satz wurde ursprünglich beim Kartenspiel verwendet und meinte: Wer die Punkte aufschreibt, kann auch ein bisschen schummeln.

Aber was macht der Schreiber, wenn es ernst wird, wenn schummeln nicht mehr hilft, wenn es ans eigene Sterben geht? Schließlich ist da jeder von uns Anfänger.

Der Journalist Michael Jürgs, 1945 in Ellwangen geboren, hat darauf seine eigene Antwort gefunden. Seit März vergangenen Jahres wusste er, dass der Tod nicht mehr nur sein alter Lebensbegleiter war, sondern ihn bald holen könnte. Krebs. Er konnte dem Tod buchstäblich ins Auge sehen.

"Wumm!" "Bamm!" Das sagte Jürgs gern, wenn er über etwas Außerordentliches sprach. Bauchspeicheldrüsenkrebs. Bamm!!!

Er hat den Sommer, den Herbst, den Winter, das Frühjahr einigermaßen überlebt und zwischendurch hat er das gemacht, was er am liebsten machte. Er schrieb, wenn es die Krankheit zuließ, an einem Buch.

Schreiben war für ihn Therapie und Leidenschaft

7500 Zeichen am Tag. Die alte Jürgs-Marke. Nicht mehr, nicht weniger. Das war sein Maß. Immer!

Am 14. Mai dieses Jahres kam von ihm gegen 22.28 Uhr eine Mail. "Weiß nicht, ob ich es noch schaffe. Die Kräfte lassen nach." Er hat es geschafft. Am 18. Juni war Abgabe: "Post mortem. Was ich nach meinem Tod erlebte und wen ich im Jenseits traf" ist der Titel. Erscheinungstermin September.

Ein ungewöhnlicher Titel, ein ungewöhnlicher Journalist. Schreiben war für Michael Jürgs in der Krankheit "Therapie" und ansonsten Leidenschaft. Er schrieb, wie Ludwig Börne einmal Jean Paul nachrühmte, "mit dem Blut seines Herzens und dem Saft seiner Nerven".

Es gehört zu den Besonderheiten dieser Zeit, dass Bücher über Krebs und Tod endlich Konjunktur haben. Der Tod wird in der Literatur nicht mehr versteckt. Auch erfährt man, neben persönlichen Erinnerungen, viel über Tumormarker, Röntgenbilder, Todesangst. "So schön wie hier kann's im Himmel gar nicht sein! Tagebuch einer Krebserkrankung" ist der Titel eines vor zehn Jahren erschienenen Buches des Theaterregisseurs Christoph Schlingensief.

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Der alte Enthüller Jürgs ist einen Schritt weitergegangen. Er hat die im Himmel getroffen, mit denen er immer schon mal reden wollte. Was er möglicherweise nicht weiß: Man kann dort auch die anderen treffen.

Mit "Post mortem - was ich nach meinem Tod erlebte und wen ich im Jenseits traf" sind es fast zwei Dutzend Bücher geworden: Treuhand, Alzheimer, "Der kleine Frieden im Großen Krieg" und so weiter. Er schrieb Biografien über so unterschiedliche Leute wie den Verleger Axel Springer, den Tenor Richard Tauber, die Geheimagentin Nancy Wake, die Künstlerin Eva Hesse und natürlich Romy Schneider. Jürgs war Vorbild für die Reporterfigur in der Verfilmung "3 Tage in Quiberon", die erklären sollte, wer Schneider wirklich war. Er schrieb brillante Essays und auch einen Roman. Der taugte nicht, wie er selbst befand.

All die Zeit hat er leidenschaftlich gern für Zeitungen und Magazine gearbeitet. Als junger Mann war er Feuilletonchef der Münchner Abendzeitung. Hinter die Namen berühmter Professoren schrieb er deren NSDAP-Nummern. Ein zorniger Journalist. Den Grundgesetzkommentator Theodor Maunz, der im Dritten Reich "... der Führer ... bildet die Rechtsgrundlage der Polizei" geschrieben hatte und anderes mehr, räumte er ab. Immerhin war Maunz bayerischer Kultusminister.

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Jürgs wurde Chefredakteur des Stern, flog raus, machte noch beim Blatt Tempo mit - und fand dann sein berufliches Glück. Er war endlich frei und schrieb Artikel nach Artikel - auch für die Süddeutsche Zeitung. Er hatte den schärfsten Blick für alles Verlogene, Lächerliche. Er wetterte heftig gegen "rechte Volksverdummer" sowie "bürgerlich gewandete Rattenfänger" wie im April in einem Spiegel-Interview.

Vom Krankenbett aus schrieb er Ende Juli vergangenen Jahres im Handelsblatt unter dem Titel "Deadline" einen Essay über die Freiheit und Zukunft des Journalismus. Ein großes Stück gegen die Vereinfacher. Leidenschaftlich attackierte er diejenigen, die aus seiner Sicht die "vierte Säule der Demokratie" angreifen: "Egal, wie die heißen - Trump, Putin, Órban, Höcke, Farage, Salvini, Poggenburg, Kaczyński, Gauland, Le Pen, Wilders."

Er trommelte gegen Pegida und AfD, aber auch gegen die vom autonomen Block sowie die "wiederauferstandenen SED-Büttel". Die Jungen mahnte er, mehr zu recherchieren, unabhängig zu sein, Distanz zu üben, und nicht den Kommentar für das Allergrößte zu halten.

Vom Krankenbett aus schrieb er im März dieses Jahres im Tagesspiegel den Aufruf, die "Heimat" nicht den Rechten zu überlassen. Klug, gescheit, wütend.

Das Besondere an ihm war die vollkommene Deckung von Werk und Mann: Der anscheinend nie beirrte Glaube an den Sinn dieser Arbeit. Und wen er mochte, den verwöhnte er. Manchmal sogar ohne Anlass. Er verteilte dann cum laude, wo auch ein zartes Lob genügt hätte.

Natürlich war auch er eitel, aber die aus seiner Sicht "berufstypische" Selbstbeweihräucherung "Du warst gut, wie war ich?" war ihm oft Anlass für beißenden Spott. Er fraß Zeitungen und wartete sehnsüchtig auf Blätter wie den Economist oder Guardian Weekly.

Als er schwer krank war, kamen Leute zu ihm, die in der Branche einen ganz großen Namen haben und sie waren angesichts seiner Krankheit nur noch tröstende, liebevolle Menschen. Diesen Respekt hat Jürgs sich hart erarbeitet.

Wer war er noch? Tennisspieler, Branchenflüsterer, liebender Ehemann und guter Vater. Im November 2019 hätten er und seine Frau "Goldene Hochzeit. Glauben Sie, dass ich das noch schaffen kann?", fragte er manchmal. Fünfzig Jahre mit derselben Frau, demselben Partner verheiratet zu sein - das ist in diesem Milieu schon eine Rarität.

Am 26. Juni dieses Jahres hat er den Theodor-Wolff-Preis für sein Lebenswerk bekommen. Er schaffte es nicht mehr in den Saal. Die berührende Laudatio hielt sein alter Weggefährte und Freund Michael Naumann, der frühere Kulturstaatsminister, der heute Gründungsdirektor und Geschäftsführer der Barenboim-Said-Akademie ist. In der Laudatio waren kritische Sätze über den Verleger Axel Springer - und als Mathias Döpfner, der heutige starke Mann bei Springer, erfuhr, dass mancher beim Ausrichter diese Passage am liebsten weggehabt hätte, schaltete er sich ein. Kein Wort wird geändert. Natürlich hätte das Naumann auch nicht gemacht, aber eine Geste war es schon. Döpfner und Naumann saßen nebeinander in der ersten Reihe und Döpfner las die von Jürgs verfassten Dankesworte vor.

In der Nacht zum Freitag ist Michael Jürgs in Hamburg gestorben. Man darf gespannt sein, wie es im Himmel mit ihm weitergehen wird: Weiterhin 7500 Zeichen am Tag?

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