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Magazin:Nur Mut

Veto Magazin - Cover

Protest ist sein Thema: Das Magazin "Veto".

(Foto: Veto)

Das neue Magazin "Veto" befasst sich mit Protest und Engagement und will ganz bewusst nicht neutral sein. Es legt den Blick auf eine Zivilgesellschaft frei, die sonst erst sichtbar wird, wenn es irgendwo knallt.

Von Antonie Rietzschel

Das Gesicht der Aktivistin auf der Titelseite ist kaum zu erkennen. Die Mütze hat sie tief ins Gesicht gezogen. Ein Tuch verdeckt Nase und Mund. Das Foto entstand, als Hunderte Braunkohlegegner einen Tagebau nahe Leipzig besetzten. Nicht mal ein Jahr ist das her, und doch scheint die Aufnahme auf dem Magazin Veto aus einer anderer Zeit zu stammen. Damals, vor Corona, galt diese Art von Vermummung als Akt des Widerstands - heute ist sie vorgeschrieben. Als rebellisch gilt, wer auf Mund-und-Nasen-Schutz verzichtet.

Protest und Engagement, das ist das zentrale Thema von Veto. Doch das Magazin widmet sich explizit nicht jenen Menschen, die zuletzt in Berlin mit Reichsflagge und verfassungsfeindlichen Sprüchen gegen die Corona-Schutzmaßnahmen demonstrierten. "Uns geht es um Menschen, die sich für etwas einsetzen - für Klimaschutz, für eine offene Gesellschaft", sagt Tom Waurig. Er sitzt am Konferenztisch der Dresdner Agentur Rederei, die er gemeinsam mit der Journalistin Susanne Kailitz gegründet hat und die Veto herausgibt.

Seit einigen Monaten schon porträtieren sie Menschen, die sich engagieren. Vom Neonazi-Aussteiger bis hin zur Aktivistin der Body-Positivity-Bewegung. Die Texte waren bisher nur online zu finden. Seit Mai erscheint Veto vierteljährlich als Print-Magazin, 5000 Stück pro Auflage. Die ersten beiden Ausgaben sind bereits ausverkauft, obwohl das Magazin im Online-Shop und am Kiosk sieben Euro kostet.

Veto Magazin - Waurig

Tom Waurig, einer der Gründer des Magazins.

(Foto: Benjamin Jenak)

Veto will in Zeiten der Krise vor allem positive Geschichten erzählen, Contrapunkt sein zu sogenannten alternativen Medien, wie beispielsweise das vom Verfassungsschutz als rechtsextremer Beobachtungsfall eingestufte Compact-Magazin. Tatsächlich legt Veto den Blick frei auf eine Zivilgesellschaft, die sonst nur sichtbar wird, wenn es irgendwo knallt. In Sachsen hat es das in den vergangenen Jahren öfter: Pegida, rechtsextremer Terror, Krawalle im linksalternativen Leipziger Stadtteil Connewitz. "Was ist denn bei euch los?", die Frage hat Tom Waurig schon öfter gehört. Von Freunden, aber auch von Journalisten. Er hat mehrere Jahre in der sächsischen Kleinstadt Pirna bei einer Initiative gearbeitet, die Demokratieprojekte in Schulen umsetzt. Die Mitarbeiter sind beliebte Gesprächspartner, wenn es vor Flüchtlingsunterkünften zu Randale kommt, wie etwa 2015 in Heidenau. "Menschen, die sich engagieren, sind häufig nur Stichwortgeber", stellt Waurig fest.

Im Veto-Magazin sind diese Menschen Cover-Model und Motiv großformatiger Fotografien, beinahe Ikonen. Sie stehen in ausführlichen Porträts und Reportagen im Mittelpunkt. Es sind meist gut gelaunte Texte über Engagierte, die Klopapier für einen guten Zweck verkaufen oder mit dem Lastenrad Lebensmittel an Corona-Risikogruppen liefern.

Doch es gibt auch die Texte wie den über das soziokulturelle Zentrum im sächsischen Döbeln, das kurz vor der Schließung stand. Es ist ein Lehrstück, wie die AfD besonders in ländlichen Regionen an Einfluss gewinnt und Engagement zermürbt wird, aufgeschrieben im nüchternen Ton. Doch zuweilen geht die Distanz verloren, etwa wenn Waurig eine Expertin für Rechtsextremismus porträtiert, angestellt bei der Amadeu-Antonio-Stiftung. Veto ist ein gemeinnütziges Projekt, die Amadeu-Antonio-Stiftung gehört zu den Geldgebern.

Neutralität, Ausgewogenheit - das ist auch nicht der Anspruch von Veto. Das Magazin will ein Kompendium der Mutigen sein. Doch auch Engagement steckt voller Widersprüche. "Wie radikal darf Protest sein" - das ist die Leitfrage der ersten Ausgabe. Sie birgt jede Menge Diskussionsstoff. Egal ob auf der Anti-Nazi-Demo oder im Kampf für besseren Klimaschutz - häufig scheitert breiter Protest an unterschiedlichen Vorstellungen. Den einen ist die Menschenkette zu zahm, den anderen die Blockade zu radikal. Auch über die Professionalisierung von Aktivismus ließe sich wunderbar streiten. Das entsprechende Gespräch bestreiten jedoch Protagonistinnen von Greenpeace und dem Anti-Auto-Bündnis "Sand im Getriebe". Und die unterscheiden sich nun kaum in ihren Ansichten.

Und so richtet sich der kritische Blick vor allem auf Medien und Politik. Die Parteien hätten noch keinen richtigen Umgang mit der Umweltbewegung gefunden, schreibt etwa Susanne Kailitz. Die Fernsehmoderatorin Anja Reschke spricht mit einer Medienforscherin sehr tiefgehend über ihre Arbeit. Der Moderator Tarik Tesfu beschreibt in seiner Kolumne, wie interessiert desinteressiert Medienvertreter mit ihm in Zeiten von "Black Lives Matter"-Diskussionen umgehen. Oder umgegangen sind. Denn das Thema ist längst wieder aus dem Fokus gerückt. Veto holt es zurück. "Schwarzes Deutschland", so wird die Titelgeschichte der nächsten Ausgabe heißen. Mitte September soll sie erscheinen.

© SZ/hy/ebri

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