Lieblingsserie: The Sopranos Aus dem Leben eines Gangsterbosses

Die US-Serie "The Sopranos" zeigt das Mafia-Leben von Tony Soprano und seinem Clan. Die schlimmsten Taten bleiben dabei ungesühnt.

Von Johannes Kuhn

The Sopranos als Fernsehserie zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung: Die Geschichte dieser Mafiafamilie aus New Jersey ist nichts anderes als ein Epos, das in seinen sieben Staffeln die Konventionen des Genres zerstört und wieder neu zusammengesetzt hat.

Edie Falco (links), James Gandolfini (rechts) und Robert Iler in einer Szene aus

The Sopranos

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(Foto: Foto: Reuters)

Tony Soprano, der im Mittelpunkt dieses Mikrokosmos steht, ist ein Mafia-Boss in New Jersey. Doch das organisierte Verbrechen, das hier herrscht, hat nichts mit dem der großen Gesten gemeinsam, das wir aus Filmen wie Der Pate kennen. Das hier ist nicht der amerikanische Traum, sondern die amerikanische Realität. Zu der gehört auch, dass Tony wegen Panikattacken regelmäßig eine Psychiaterin aufsucht und das Anti-Depressions-Medikament Prozac schluckt.

Doch die Grundidee des Mafiabosses auf der Couch ist nur der Einstieg in eine Welt, deren Charaktere sich nicht über wenige Folgen, sondern über ganze Staffeln entwickeln und dabei eine Tiefe und Mehrdeutigkeit entfalten, wie sie in der Geschichte der TV-Serien immer noch einmalig ist. Die Ehe des Mob-Chefs ändert sich, die Kinder werden älter und mit den Geschäften ihres Vaters konfrontiert; Geschäft und Gewalt stiften persönliche Verbindungen im Mafia-Clan oder beenden sie auch, nicht selten tödlich.

Die Faszination der Serie liegt nicht nur in dem teils absurden Humor, der gerade in den ersten Staffeln immer wieder Teil der Handlung ist, ohne dass diese dadurch weniger ernsthaft und realistisch würde; die wahre Brillanz von Sopranos-Macher David Chase liegt in seiner Interpretation von Konsequenz: Immer wieder werden die Charaktere vor tiefgreifende Entscheidungen gestellt, doch leben sie in einer brutalen und rücksichtslosen Welt, in der Kategorien wie richtig oder falsch längst jede Gültigkeit verloren haben.

Daher können die schlimmsten Verbrechen ungesühnt, die besten Taten sinnlos bleiben. Auch wenn die Sopranos, ganz ihren italienischen Wurzeln verpflichtet, einem Mafia-Katholizismus anhängen: Hier gibt es keinen Gott und der anfängliche Wunsch des Zuschauers nach Gerechtigkeit bleibt so oft unerfüllt, dass er bald selbst erschrocken erkennen muss, in seinen Reaktionen auf das Geschehen auf dem Bildschirm den Boden der gängigen Moral längst verlassen zu haben.