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Lieblingsserie: The Sopranos:Aus dem Leben eines Gangsterbosses

Lesezeit: 2 min

Die US-Serie "The Sopranos" zeigt das Mafia-Leben von Tony Soprano und seinem Clan. Die schlimmsten Taten bleiben dabei ungesühnt.

Johannes Kuhn

The Sopranos als Fernsehserie zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung: Die Geschichte dieser Mafiafamilie aus New Jersey ist nichts anderes als ein Epos, das in seinen sieben Staffeln die Konventionen des Genres zerstört und wieder neu zusammengesetzt hat.

Tony Soprano, der im Mittelpunkt dieses Mikrokosmos steht, ist ein Mafia-Boss in New Jersey. Doch das organisierte Verbrechen, das hier herrscht, hat nichts mit dem der großen Gesten gemeinsam, das wir aus Filmen wie Der Pate kennen. Das hier ist nicht der amerikanische Traum, sondern die amerikanische Realität. Zu der gehört auch, dass Tony wegen Panikattacken regelmäßig eine Psychiaterin aufsucht und das Anti-Depressions-Medikament Prozac schluckt.

Doch die Grundidee des Mafiabosses auf der Couch ist nur der Einstieg in eine Welt, deren Charaktere sich nicht über wenige Folgen, sondern über ganze Staffeln entwickeln und dabei eine Tiefe und Mehrdeutigkeit entfalten, wie sie in der Geschichte der TV-Serien immer noch einmalig ist. Die Ehe des Mob-Chefs ändert sich, die Kinder werden älter und mit den Geschäften ihres Vaters konfrontiert; Geschäft und Gewalt stiften persönliche Verbindungen im Mafia-Clan oder beenden sie auch, nicht selten tödlich.

Die Faszination der Serie liegt nicht nur in dem teils absurden Humor, der gerade in den ersten Staffeln immer wieder Teil der Handlung ist, ohne dass diese dadurch weniger ernsthaft und realistisch würde; die wahre Brillanz von Sopranos-Macher David Chase liegt in seiner Interpretation von Konsequenz: Immer wieder werden die Charaktere vor tiefgreifende Entscheidungen gestellt, doch leben sie in einer brutalen und rücksichtslosen Welt, in der Kategorien wie richtig oder falsch längst jede Gültigkeit verloren haben.

Daher können die schlimmsten Verbrechen ungesühnt, die besten Taten sinnlos bleiben. Auch wenn die Sopranos, ganz ihren italienischen Wurzeln verpflichtet, einem Mafia-Katholizismus anhängen: Hier gibt es keinen Gott und der anfängliche Wunsch des Zuschauers nach Gerechtigkeit bleibt so oft unerfüllt, dass er bald selbst erschrocken erkennen muss, in seinen Reaktionen auf das Geschehen auf dem Bildschirm den Boden der gängigen Moral längst verlassen zu haben.

Die Sopranos funktionieren auf vielen Ebenen: Die Serie ist unterhaltend, spannend und humorvoll, Figuren wie der zwischen Lächerlichkeit, Tragik und tiefer Menschlichkeit pendelnde Neffe Christopher so fein gezeichnet, dass man sich die Schauspieler in keiner anderen Rolle mehr vorstellen kann.

Zugleich haben die Sopranos in ihren popkulturellen Referenzen und der Doppeldeutigkeit vieler Dialoge einen intellektuellen Anspruch, der David Remnick, den Chefredakteur des New Yorker, zu der Feststellung brachte, bei den Sopranos handele es sich um die vielleicht "großartigste Errungenschaft des Fernsehens".

Kampf um das Überleben an der Spitze

Weil ihre Handlung nicht zufällig in der Bush-Ära verortet ist, können die Sopranos auch als Abgesang auf den amerikanischen Traum gelesen werden: Alle wollen nach oben, doch wer sein Ziel erreicht hat, wird nicht glücklich. Dem Aufstiegskampf folgt der brutale Kampf um das Überleben an der Spitze, der doch meist nur ein quälend langes Präludium vor dem eigenen Tod ist.

An der gewaltigen wie gewalttätigen Geschichte des Gangsterbosses Tony Soprano zeigte das deutsche Free-TV-Publikum kaum Interesse. Dies ist weniger den Zuschauern, als den Sendern ZDF und Kabel 1 anzulasten, die der Serie undankbare Sendeplätze jenseits von 23 Uhr gaben. Wer den fesselnden Kosmos der Sopranos erleben möchte, kann inzwischen jedoch auf die DVD-Boxen zurückgreifen. Allerdings sei Vorsicht angeraten: Keine Serie, die Sie danach sehen, wird sich mit dieser Familiensaga messen können.

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