bedeckt München 26°

Komiker Oliver Kalkofe:Fernsehzuschauer als Vampire

"Das deutsche Fernsehen behandelt intelligente Zuschauer mittlerweile wie Vampire", sagt er, "die höchstens noch nachts oder versteckt im Dunkel der Spartenkanäle Qualität geboten bekommen." Im Rückblick komme es ihm fast so vor, als ob "der bunte Volksmusikirrsinn der 90er doch irgendwie lieb gemeint gewesen" sei. "Heute meint es das Fernsehen größtenteils böse." Und schon ereifert er sich über die ARD-Kitsch-Serie Familie Dr. Kleist, "so was Popliges und Peinliches!", und Scripted-Reality-Dokus: "Da sitzen die Asis, die noch nicht mal mehr Asi richtig schreiben können, auf der Couch und freuen sich, dass ihr eigenes Leben nicht ganz so armselig ist wie das, was sie den ganzen Tag im Fernsehen sehen."

Kalkofe hat die Gabe, traurige Wahrheiten brüllend komisch zu verpacken. Jeder Gag ist eine Art trojanisches Pferd für seine Medienkritik. "Die Leute sollen lachen", sagt er, "dürfen aber auch darüber nachdenken, wenn sie wollen." Er selbst lache beim Sichten der Ausschnitte nicht viel, weil er schnell merke, "dass das, worüber ich gestern noch gelacht habe, kein Einzelfall ist, sondern System hat."

Aus für "Wetten, dass..?"

Top!

Um die Qualität zu verbessern, hat Kalkofe einen berückend einleuchtenden Vorschlag: Alle Redakteure müssten ihre Programme in voller Länge anschauen, in der Freizeit und im Familienkreis: "Das Programm würde sich schlagartig radikal ändern, weil sie sich so schämen und ihre Lebenszeit nie wieder mit so einem Scheiß verschwenden würden."

Als Stiefvater einer pubertierenden Tochter ist Kalkofe mit einer Generation konfrontiert, die Prominenz für erstrebenswert hält. "Ich musste ihr erst erklären, dass es kein Lebensziel ist, sich von allen auslachen und beschimpfen zu lassen." Der "übergroße Respekt vor den Menschen im Fernsehen" seiner Kindheit sei "Hass und Verachtung" gewichen. "Das erschrickt mich."

In dieser Hinsicht habe er Mitgefühl mit Hassfiguren wie Markus Lanz, "unabhängig davon, wie ich die persönlich finde." Dass er selbst in seinen Parodien nicht an Spott spart, ist der blinde Fleck des Oliver Kalkofe - auch wenn er sagt, dass es ihm nicht darum gehe, "Leute persönlich anzumachen", eher darum zu zeigen, "wie das Geschäft funktioniert und dass die Bösen beim Fernsehen tendenziell hinter der Kamera anzutreffen sind."

Bildungsfernsehen als Comedy

Spott um des Spotts willen ist wirklich nicht Kalkofes Interesse. Die Mattscheibe ist eher Bildungsfernsehen als Comedy. "Ich möchte den Leuten gern zeigen, wo sie verarscht werden und ihnen zurufen: Wehrt euch!" Sein Sendungsbewusstsein ist getragen von einem heiligen Ernst, gänzlich unzynisch, rührend altmodisch: "Ich habe immer noch diese Wut in mir."

Als Kalkofes Vorspeise kommt, wird es Zeit zu gehen. Vorher hat er aber noch eine Old-School-Idee: Medienkunde als Schulfach. "Wir leben in einer Mediengesellschaft, aber wie man mit der Dauerpräsenz der Medien umgeht, lernt niemand. Dabei wäre das bitter nötig." Einstweilen muss seine Mattscheibe reichen. Oliver Kalkofe wendet sich den erfreulicheren Dingen des Lebens zu. Es ist eine Tomatensuppe.

The Final Kalkdown , Tele 5, noch bis Donnerstag, täglich, 20.15 Uhr; die Jubiläumsshow The Incredible Kalk , Freitag, 20.15 Uhr.