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Klatschjournalismus:"Nähe gehört einfach zum Beruf"

"Neue Post"

Royals gehen immer. Anfang Dezember auf dem Cover der Neuen Post: die Dänen.

(Foto: Neue Post)

Bettina Hennig hat sich nicht nur in ihrem Beruf als Journalistin unter anderem für Gala, Bild am Sonntag und Neue Post ausführlich mit Klatsch beschäftigt, sie hat das von der Kritik wenig geliebte Schmuddelkind des Journalismus auch unter wissenschaftlichen Kriterien erforscht. Erst in ihrer Dissertation zum Thema "Klatschjournalismus - Fragment einer adligen Kultur in der bürgerlichen Gesellschaft", nun gemeinsam mit Rike Schulz für das Lehrbuch "Klatsch. Basiswissen für die Medienpraxis".

Im Interview erklärt sie, warum sich Klatschjournalismus in der Machart nicht von der Berichterstattung in anderen Ressorts unterscheide, wie nahe Klatschjournalisten Prominenten kommen sollten - und was das alles mit den Brüsten von Jenny Elvers zu tun hat.

SZ.de: Frau Hennig, der Klatschjournalismus hat einen schlechten Ruf, dennoch erscheinen Woche für Woche Dutzende Regenbogenheftchen in hoher Auflage und mit den immer gleichen Geschichten über Helene Fischer, Prinz Harry und Co. Woran liegt das?

Bettina Hennig: Ich denke, dass die Frage 'Wer mit wem?' einfach viele Menschen interessiert.

Geht es den Lesern also um das Leben und Lieben der Schönen und Reichen und auch um die Flucht aus dem eigenen Alltag?

Diese Eskapismus-Funktion von Klatschjournalismus wird immer wieder als Triebfeder vermutet. Das sind veraltete Maßstäbe, die noch aus den 1970ern stammen. Es würde bedeuten, die Leute schauen sich solche Hefte an und träumen sich für eine Weile fort aus ihrem langweiligen Leben. Das aber ist eine falsche Annahme. Klatsch wird von allen gelesen: jung, alt, arm, reich, Frau und Mann. Das zeigt schon die Vielfalt innerhalb des Segmentes. Die Eskapismusthese halte ich deshalb für Quatsch! Denn was macht einen Menschen aus? Das ist doch das Privatleben, die Fragen nach Familie, Nachwuchs, Krankheiten, der Liebe.

Aber hat Unterhaltung und sich unterhalten zu lassen - egal, ob das jetzt durch einen Film oder ein Magazin geschieht - nicht immer etwas mit Realitätsflucht zu tun?

Ich würde Klatschjournalismus nicht als Unterhaltung ansehen. Wir reden hier über Journalismus, und der hat die Funktion, Informationen zu transportieren. In der Politik geht es um neue Gesetze, in der Wirtschaft um Börsenverläufe und im Klatsch darum, ob es im Privatleben von anderen etwas Neues gibt. Auch wenn es bei vielen Menschen gegenüber Klatsch ein Abgrenzungsbedürfnis gibt, gilt doch: Wenn er gut gemacht ist, unterscheiden sich Politik- und Klatschjournalismus von der Machart her überhaupt nicht.

Was muss eine "gute" Geschichte über das Privatleben der anderen haben?

Journalistisch guter Klatsch muss wahr sein, wie jeder andere Journalismus auch. Die Geschichte muss zudem aktuell sein: Ich möchte nicht wissen, was Prinz Charles vor zehn Jahren gemacht hat. Mich interessiert, ob er jetzt eine Affäre hat. Und natürlich muss die Geschichte wichtig sein.

Zum Buch

"Klatsch. Basiswissen für die Medienpraxis" ist der neunte Teil der Reihe "Journalismus Bibliothek" und erscheint im Herbert von Halem Verlag zum Preis von 18,50 Euro.

Kann man sagen: Je prominenter der Protagonist und je brisanter sein Tun, desto besser?

Jein. Es ist das Zusammenspiel von Prominenz und Relevanz, letztere bemisst sich im Klatsch an anderen Kriterien. Für den Klatschjournalismus sind genau die gleichen Themen relevant, wie in der monarchisch organisierten Gesellschaft: Wer heiratet wen? Wer wird geboren? Wer stirbt oder liegt im Sterben? Eine Babynews kann also einem Soapstar schon mal verstärkte Aufmerksamkeit bescheren, mit Business-News wie "XY dreht einen neuen Film" können selbst A-Promis wenig reißen. Top wäre zum Beispiel eine Babynews eines A-Prominenten: Angelina Jolie wieder schwanger!

Das sind allesamt sehr private Themen, denen man sich als Journalist mit viel Feingefühl nähern muss, wenn man moralisch einwandfrei arbeiten möchte. Welche Fähigkeiten muss ein guter Klatschjournalist mitbringen?

Das Handwerk oder das Wissen darüber, wie ich eine Recherche aufziehe oder die Protagonisten in meinem Metier anspreche, ist überall gleich. Viele Klatschjournalisten kommen aus dem Lokalen oder haben sich vorher mit kulturellen Themen befasst, die Lebensläufe sind da sehr unterschiedlich.

Ist die Nähe zwischen Berichterstatter und Protagonisten im Klatschbereich ein Problem?

Werfen wir einen Blick nach Berlin. Schauen Sie doch mal, welche Politiker da ständig mit Journalisten im "Borchardt" zusammensitzen. Genauso ist das auch in der Sportberichterstattung, wo Journalisten und beispielsweise Fußballprofis sehr eng verbandelt sein können. Oder die Lokalreporter, die ständig mit den Leistungsträgern der Stadt essen gehen müssen. Nähe gehört einfach zum Beruf - solange sie professionell bleibt.

Schlagzeile: "Was ist mit Jennys Busen los?"

Von außen wirkt die Beziehung zwischen Journalisten und Prominenten oft nicht so distanziert, wie es nötig wäre.

Ja, da stimme ich Ihnen zu. Das liegt aber nicht an einer tatsächlichen Nähe, sondern an den Themen, die im Klatschjournalismus verhandelt werden. In Interviews werden oft sehr intime Dinge besprochen. Ich habe schon Sachen erzählt bekommen, über die würde ich nicht mal mit meiner besten Freundin sprechen: Fremdgehen, Suchtprobleme, Trauer, Krankheiten. Dadurch kann bei manchen Lesern der Eindruck entstehen, dass sich da jemand mit einer Sache gemein macht. Aber das ist ein professioneller Deal: Die Prominenten erhoffen sich durch das Preisgeben privater Geheimnisse Publicity, der Interviewer eine gute Geschichte. Es ist eine déformation professionelle, genau diese Nähe zu suggerieren. Die Nähe im Klatschjournalismus ist nur gelegentlich ein Problem, ich glaube, sie ist eher ein Anfängerproblem.

Sie haben die sehr privaten Dinge wie Beziehungsprobleme oder Erkrankungen angesprochen, die Prominente in manchen Interviews, ob nun absichtlich oder unabsichtlich, ausplaudern. Welche Tabus und Grenzen muss guter Klatschjournalismus achten?

Man muss sich jede Geschichte absichern lassen. Da gilt die Nachricht aus erster Hand oder das Vier-Augen-Prinzip - mindestens. Ein Beispiel: Auf einer Party bin ich mal mit einer Schauspielerin ins Gespräch gekommen und habe nur ganz harmlos gefragt, ob es ihr nicht gut gehe. Da brach es aus ihr heraus und sie erzählte mir, dass sie zwei Wochen zuvor eine Krebsdiagnose bekommen hatte. Grundsätzlich eine Hammergeschichte für einen Klatschjournalisten. Aber wenn man so etwas korrekt behandeln will, dann muss man am nächsten oder übernächsten Tag nochmal beim Management oder der Dame persönlich anrufen und um Autorisierung bitten. Bei so einer, für die Person nicht nur gesundheitlich, sondern auch beruflich folgenreichen Geschichte, könnte man sogar überlegen, der Schauspielerin den Artikel vor der Veröffentlichung vorzulegen.

Dr. Bettina Hennig

Dr. Bettina Hennig, Klatschjournalistin und -forscherin

(Foto: Omid Najafi)

Werden die Protagonisten von Klatschgeschichten auch dann mit den Ergebnissen einer Recherche beziehungsweise mit Vermutungen konfrontiert, wenn es nicht um eine lebensbedrohende Krankheit geht?

Im Idealfall, der auch der Normalfall sein sollte, ja. Auch hierzu ein Beispiel. Jenny Elvers hat seinerzeit Nacktfotos für die Zeitschrift Max machen lassen und man konnte sofort sehen: Die hat sich den Busen straffen lassen. Nun gibt es zwei Möglichkeiten, diese Geschichte zu präsentieren. Zum einen könnte man die Veränderung mit Vorher-Nachher-Fotos und der Überschrift "Was ist mit Jennys Busen los?" belegen. Fragezeichengeschichten sind zwar nie perfekt, aber so kann der Leser für sich selbst entscheiden. In meinem Fall war es so, dass ich mit Jenny Elvers schon vorher ganz gut bekannt war und ihre Handynummer hatte. Also habe ich angerufen und gesagt: "Du, Jenny, mir ist da was aufgefallen."

Persönliche Bekanntschaft mit den Protagonisten ist im Klatschjournalismus entscheidend?

Unbedingt. Deshalb rate ich Anfängern auch immer dazu, auf viele Termine und Partys zu gehen, Kontakte zu knüpfen, sich bei den Leuten in Erinnerung zu bringen. Auch wenn nicht direkt eine Geschichte dabei herausspringt, wird gutes Netzwerken irgendwann ein großer Vorteil sein.

Und wie ging die Geschichte mit Jenny Elvers aus?

Sie hat einem Interview zugestimmt. Dabei hat sie aber nicht zugegeben, dass sie beim Schönheitschirurgen war, sondern gesagt, "Mein Busen ist so echt, wie der von ...", und dann diverse andere Frauen geoutet, die sich auch den Busen hatten machen lassen. Für mich war das natürlich eine großartige Geschichte und ihr hat es ein bisschen Publicity gebracht - eine Win-Win-Situation.

© SZ.de/jobr/rus

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