Julianna Margulies im Interview "Wir leben vom Schmerz anderer Leute"

Als betrogene Ehefrau eines Staatsanwalts brilliert Julianna Margulies in der Serie "The Good Wife". Warum die Emmy-Gewinnerin nicht auf ihre Arbeit verzichten kann, was Macht mit Menschen anstellt und wie Bill Clinton sie begeisterte.

Interview: Patrick Roth

SZ: Frau Margulies, im September gewannen Sie den Emmy als beste Hauptdarstellerin einer amerikanischen Drama-Serie: The Good Wife war gleich neunmal nominiert.

Julianna Margulies spielt in The Good Wife eine Anwältin, die von ihrem Mann betrogen wird - und wieder anfängt, zu arbeiten.

(Foto: AP)

Julianna Margulies: Noch während die Leute applaudierten, musste ich an meinen Vater denken. Mir fiel ein, was er damals sagte, als meine Karriere begann. Ich war 25, hatte ab und zu auf einer Provinzbühne in Sarasota, Florida, gestanden und gerade einen Rollenvertrag für Emergency Room unterschrieben. "Überleg dir gut, was du machst, wenn der Applaus einmal endet", sagte er. Ein guter Rat. Preise können mein Ziel nicht sein.

SZ: Was dann?

Margulies: Ich hab' mal in einem Off-Broadway Stück gespielt, das nur fünf Leute gesehen haben. Schauspielerisch: meine beste Leistung. Ich war erfüllt.

SZ: In Amerika ist die dritte Staffel von The Good Wife gerade angelaufen. Was passiert mit Ihrer Figur Alicia Florrick, die von "ihrem" Mann, einem wegen Veruntreuung inhaftierten Staatsanwalt, betrogen wurde und wieder als Anwältin arbeiten geht?

Margulies: Alicia sucht in ihrem alten Beruf Sicherheit, eine neue Unabhängigkeit. Das gelingt ihr. Doch ein erneuter Rückschlag - Verrat durch eine Freundin - zwingt sie, sich zu öffnen, sich neuen Erfahrungen zu stellen.

SZ: Neue Erfahrungen? Sie meinen die Affäre mit "ihrem" Kollegen und Boss Will Gardner (Josh Charles)?

Margulies: Allerdings. Alicia wird explorieren - sexuell. In der Hinsicht schien sie mir bisher eher verklemmt. Bisher lebte sie in einer Phantasiewelt: eine 50er-Jahre-Welt quasi, in der sie die gute Frau war, The Good Wife. Ich bezweifle, dass zwischen ihr und Peter im Bett viel lief. Er trieb es ja ständig mit anderen Frauen. Nun stellt Will Gardner, ihr Lover, die Frage: "Sollte ich nicht auch mal deine Kinder kennenlernen?" Und sie antwortet: "Nein. Keinesfalls." Interessant. Einerseits bleibt sie also ein Good Girl, andererseits versucht sie doch ständig, aus der alten Rolle auszubrechen.

SZ: Sie sprechen über Alicia, als hätten Sie keinerlei Einfluss auf den Handlungsverlauf der Serie.

Margulies: Jedes Mal, wenn ich glaube, eine tolle Idee für einen neuen Erzählstrang zu haben, stelle ich fest, dass Robert und Rochelle King (die Autoren und Produzenten) bessere, komplexere Ideen haben. Sie drehen mit unheimlichem Raffinement an den verschiedenen Spannungsbögen ihrer Figuren. Der Spaß der Rolle besteht auch darin, kein wirkliches Vorauswissen zu besitzen, immer wieder blind navigieren zu müssen. Das heißt: Ich muss mich jeden Tag neu auf die Rolle einstellen.

Emmy-Verleihung 2011

Großes Kino im Fernsehen