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Journalistische Neutralität:"Wir können Leute von Twitter entfernen"

Erster Arbeitstag des neuen BBC-Generaldirektors Tim Davie

Tim Davie, seit 1. September der neue Generaldirektor der BBC.

(Foto: Andrew Milligan/picture alliance/dpa)

Der BBC-Chef hat für das BBC-Personal hat eine Unabhängigkeitstrategie herausgegeben. Künftig haben Journalistinnen und Journalisten des öffentlichen Senders, von persönlichen Meinungsäußerungen in der Öffentlichkeit abzusehen. So will Tim Davie den Sender vor dem gefährlichen Vorwurf wappnen, politisch einseitig Stellung zu beziehen.

Von Alexander Menden

Huw Edwards ist bisher nicht als sonderlich aufmüpfiger Angestellter der British Broadcasting Corporation in Erscheinung getreten. Daher war der Tweet, den der britische Anchorman jüngst absetzte, bemerkenswert: Edwards zitierte einen Satz aus den neuen, strengeren Social-Media-Regeln für BBC-Personal: "Die Verwendung von Emojis - zufällig oder planvoll - kann eine ansonsten unparteiische Nachricht unterminieren." Vor und nach den Satz hatte Edwards 16 walisische Flaggen-Emojis gesetzt. Keine allzu subversive Nutzung des Drachenbanners - Huw Edwards ist Waliser. Aber im Zusammenhang mit dem Inhalt der Nachricht doch ein klares Zeichen, dass die Richtung, die der seit dem 1. September im Amt befindliche neue Generaldirektor des Senders, Tim Davie, eingeschlagen hat, innerhalb der BBC zunehmend auf Widerstand stoßen.

Davie hatte in einer ersten Ansprache an die Mitarbeiter im regionalen BBC-Sendezentrum in Cardiff betont: "Wenn Sie ein Meinungskolumnist sein oder in den sozialen Medien eine Kampagne führen möchten, ist das legitim, aber dann sollten Sie nicht bei der BBC arbeiten." Der Sender müsse sich "dringend für Unparteilichkeit einsetzen", so Davie weiter. "In Zeiten von Fake News, Social-Media-Kampagnen, Meinungsblasen und lauter parteiischen Medien schlägt unsere Stunde."

Was Journalistinnen und Journalisten in Deutschland auf Social Media posten dürfen und was nicht, darüber entscheidet jedes Medienhaus selbst. So diskutieren sowohl die Süddeutsche Zeitung als auch Die Zeit in ihren Konferenzen immer wieder über die private Social-Media-Nutzung ihrer Redakteure, verbindliche Richtlinien gibt es bei beiden Zeitungen allerdings nicht. Beim Bayerischen Rundfunk hat die Chefredaktion vor einigen Jahren Social-Media-Guidelines eingeführt, in denen die Mitarbeiter auf allgemeine journalistische Grundsätze wie Ausgewogenheit, Sorgfaltspflicht, Unparteilichkeit und Werbeverbote hingewiesen würden, so ein Sprecher.

Zur vermeintlich neuen Unabhängigkeitsstrategie der BBC gehören klare Social-Media-Regeln, die besagen, dass BBC-Personal von persönlichen Meinungsäußerungen in der Öffentlichkeit abzusehen habe, wozu auch Likes, Retweets, Hashtags und eben "unterminierende Emojis" gehörten.

"Wir können Leute von Twitter entfernen", hat der Generaldirektor gedroht. Wer die Regeln breche, gleich, ob in einer offiziellen oder persönlichen Funktion, könnte mit einer "Sperrung" seines oder ihres Twitter-Kontos rechnen. Er bezog sich damit auf BBC-Stars wie den ehemaligen Fußballer und Sportmoderator Gary Lineker, der sich bei Twitter immer wieder sehr kritisch zu kontroversen Themen wie dem Brexit und der britischen Asylpolitik äußert. Davie sagte, Lineker habe klar gesagt, er "verstehe seine Verantwortung in Bezug auf soziale Medien". Die Antwort Linekers kam umgehend - auf Twitter: "Soweit ich weiß, kann nur Twitter Leute von Twitter entfernen."

Auch die Anweisung, sich nicht an Demonstrationen oder sonstigen Versammlungen zu beteiligen, führte zu Widerstand innerhalb des Senders. So sah die BBC sich zu der Klarstellung genötigt, dass Angestellte durchaus an Gay-Pride-Veranstaltungen teilnehmen dürften, so lange die Richtlinien "gebührend berücksichtigt" würden und die Mitarbeiter sicherstellten, "dass sie nicht zu politisierten oder umstrittenen Themen Stellung beziehen". Die Rundfunkgewerkschaft Bectu hat die neuen Regeln als Schnellschuss verurteilt. Bectu-Chefin Philippa Childs sprach davon, sie sei "bestürzt darüber, dass die Gewerkschaften vor der Veröffentlichung eines so wichtigen Dokuments nicht ordnungsgemäß konsultiert" worden seien. Es gebe "eine Menge Verwirrung und Vermutungen darüber, was die Richtlinien" bedeuteten, und das bereite den Bectu-Mitgliedern und der BBC-Belegschaft "große Sorgen".

Tim Davie war als Nachfolger von Tony Hall eine Art Wunschkandidat der konservativen britischen Regierung. Selbst Mitglied der Tory-Partei, hat er reichlich privatwirtschaftliche Erfahrung - unter anderem im Management von Pepsi sowie Procter & Gamble -, ist aber auch ein erfahrener BBC-Mann. Er kam 2005 als Marketing-Direktor zur BBC, leitete von 2008 an die Radiosparte und dann, von November 2012 bis April 2013, kommissarisch auch schon einmal probeweise die ganze BBC. Der glücklose George Entwistle hatte damals in der Folge des Kindesmissbrauch-Skandals zurücktreten müssen, in den auch der ehemalige Top of the Pops-Moderator Jimmy Savile verstrickt war. Davie erwies sich als solide Übergangslösung, bis Tony Hall vom Royal Opera House ins Broadcasting House an der Regent Street wechselte.

Offenkundig hat der neue Mann sich nun auf die Fahnen geschrieben, die BBC gegen jeden Vorwurf parteiischer Berichterstattung und Programmgestaltung zu feien. Nicht zuletzt die Zeitungen der Murdoch-Gruppe, die mit ihren privaten Radio- und Fernsehangeboten in direkter Konkurrenz zur BBC stehen, befeuern seit Jahren das Bild eines von Zwangsabgaben finanzierten Nests linksliberaler Ideen.

Tatsächlich hätten gerade die Kritiker am rechten Rand von Tim Davies eigener Partei allen Grund gehabt, die Marschrichtung für die Meinungsbildung zentraler Formate - besonders seit dem EU-Referendum - gutzuheißen. So hatte Sarah Sands, von Januar 2017 bis zum vergangenen September leitende Redakteurin der Today-Programme bei Radio 4, eine kaum verhohlene Pro-Brexit-Agenda. Dennoch haben Regierungsvertreter wie Kultur- und Medienminister Oliver Dowden das Mantra wiederholt, die BBC habe die "sich ändernden Ansichten des Landes", zum Beispiel zum Brexit, nicht angemessen wiedergegeben. Sie müsse "wirklich unparteiischer" sein und eine "enge urbane Perspektive" vermeiden.

In Zeiten drastischer Kürzungen des öffentlichen Budgets für den Sender scheint Davie diese Anwürfe für gefährlich genug zu erachten, um sie fest in den angestrebten größeren BBC-Umstrukturierungen mitzuverbauen. Inwiefern die Mitarbeiter die neue Ausrichtung mittragen, wird mitentscheidend für das zukünftige Gesicht der British Broadcasting Corporation sein.

© SZ/hy
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