Jon Stewart:Total unkomisch

Jon Stewart: Jon Stewart im Studio von "The Problem With Jon Stewart".

Jon Stewart im Studio von "The Problem With Jon Stewart".

(Foto: Apple TV+)

Der amerikanische Komiker Jon Stewart ist zurück und startet mit "The Problem with Jon Stewart" überraschenderweise ein seriöses journalistisches Format.

Von Susan Vahabzadeh

Humor ist, wenn man weiß, dass es auf der Welt wenig zu lachen gibt, und es trotzdem tut. Der amerikanische Komiker Jon Stewart hat sich das zu Herzen genommen, als er noch Moderator der Daily Show war und dort jeden Abend George W. Bush, amerikanische Nachrichtensendungen und den Zustand der Welt aufs Korn nahm. 2015, genau in dem Moment also, als die amerikanische Politik mit der Kandidatur von Donald Trump fürs Präsidentenamt endgültig unlustig wurde, ging Jon Stewart in Frührente und wollte sich nur noch mit Tierrettung befassen. Er war damals erst 53 Jahre alt, es war also absehbar, dass er irgendwann wieder auftaucht. Es ist so weit: Auf Apple + läuft nun seine neue Sendung The Problem with Jon Stewart, auf Englisch mit deutscher Untertitelung.

Neue Folgen wird es alle zwei Wochen geben, es geht in jeder Sendung 45 Minuten lang um ein Thema - zur Premiere war das die mangelnde Gesundheitsversorgung amerikanischer Veteranen im Allgemeinen - und einen seltsamen Vorgang im Besonderen: Bei Armee-Einsätzen ist die Müllentsorgung bis heute nicht eingeplant, also wird alles verbrannt - und wenn Soldaten dioxinhaltigem Rauch ausgesetzt sind, kann man sich vorstellen, dass das gesundheitliche Folgen hat. Die Beweislast, dass sie sich nicht irgendwo anders vergiftet haben, liegt aber bei den Soldaten. Wie kann es sein, dass ein Ministerium längst entschieden hat, dass Dioxin krebserregend ist, und ein anderes so tut, als ob es das nicht wüsste? Stewart spürt dem nach. Es gibt da wenig unterschiedliche Sichtweisen - nicht mal sein Interviewpartner im Ministerium macht Ansätze, die Haltung seiner Behörde zu verteidigen. Witzig ist das nicht.

Die Tatsache, dass Stewart aus der "Daily Show" eine politische Satiresendung machte, beschäftigte diverse Universitäten

Erst Jon Stewart machte aus der Daily Show eine politische Satiresendung, als er die Moderation 1999 übernahm, und man kann sich heute gar nicht mehr vorstellen, dass dieser Umstand dann tatsächlich diverse amerikanische Universitäten beschäftigte. Eine in Indiana untersuchte den Informationsgehalt und kam zu dem Schluss, er sei nicht höher als bei einer mittelprächtigen Nachrichtensendung, andere befassten sich mit dem Einfluss der Sendung auf ihr Publikum. 2006 veröffentlichten beispielsweise die Politologen Jody Baumgartner und Jonathan Morris eine Studie, nach der Stewarts Zuschauer zynischer seien als der amerikanische Durchschnittsbürger und eine schlechtere Meinung vom Politikbetrieb hätten; sie mutmaßten, das trüge zu Politikfrust bei. Die Medienwissenschaftlerin Rachel Larris brachte zur Antwort gleich drei andere Studien bei, eine davon vom Annenberg Center, die im Gegenteil zu dem Schluss kamen, die Daily Show-Konsumenten seien im Gegenteil besonders gut informiert und engagiert.

Wie kommt es, dass einer, der als Komiker so erfolgreich war, dass seine englischsprachige Sendung sogar eine Weile im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde, jahrelang überlegt, was seine nächste Show sein könnte, und dann der Welt ein ganz ernsthaftes Politmagazin präsentiert? Er wolle sich, hat Stewart im Interview mit dem Branchenblatt Hollywood Reporter gesagt, dem Gebiet zwischen Rhetorik und Realität widmen und neue Prioritäten schaffen, weil sich die Wahrnehmung dessen, was wirklich wichtig ist, verschoben hat. Er erklärt das mit einem Beispiel - als er, weil er Geld für autistische Kinder sammelt, Ende 2017 in eine Show eingeladen wurde, wo man ihn letztlich nach dem "Me Too"-Skandal um den Komiker Louis C. K. fragte.

Wie auch immer: Jon Stewart hat jedenfalls allen Kritikern, die ihm vorwarfen, er betreibe zu viel Infotainment und zu wenig Journalismus, immer entgegengeschleudert, er betreibe überhaupt keinen Journalismus. Medienkritik allerdings war ein wesentlicher Bestandteil von The Daily Show, und ist es, mit dem neuen Moderator, immer noch - die amerikanischen Nachrichtenkanäle haben mit One America News Zuwachs aus der rechten Ecke bekommen, und schon die drei meistgesehenen Nachrichtensender, Fox News, CNN und MSNBC, zeigen wenig Nachrichten und viel Meinung. So gesehen ist der Sinneswandel des Medienkritikers Stewart naheliegend - wenn die anderen den Journalismus nicht liefern, macht er eben selber welchen. Mal sehen, wie viele Folgen lang er mit seiner Meinung hinter dem Berg halten kann.

© SZ
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