"Jörg Thadeusz und die Künstler":Als würde er die Oscars verleihen

"Jörg Thadeusz und die Künstler": Jörg Thadeusz (l.) und der Geiger Michael Barenboim.

Jörg Thadeusz (l.) und der Geiger Michael Barenboim.

(Foto: Screenshots/Räuberleiter)

Jörg Thadeusz lädt Künstler ein, umschwärmt sie und gibt ihnen den Applaus, den sie so lange vermisst haben - gute Kunst gibt es auch.

Von Willi Winkler

Die klassische amerikanische Sitcom war begleitet von regelmäßig aufbrausendem Lachen, das den Fernsehzuschauern anzeigte, wann es lustig war. Die Lachkonserve musste das Live-Publikum ersetzen, ohne sie ging weder Bill Cosby noch Mary Tyler Moore auf Sendung. In deutschen Shows hilft ein Anklatscher, der das kleine Saalpublikum bereits vor der Sendung zu Höchstleistungen treibt.

Jörg Thadeusz bringt den Beifall gleich selber mit. Das ist beste öffentlich-rechtliche Fürsorge, denn die Künstler, die bei ihm auftreten, müssen derzeit ihr Publikum und damit den Beifall entbehren. Thadeusz entschädigt sie mit dem Jubel, der einst bei einer Oscar-Verleihung erklang. Damit die Zuschauer nicht weiter auf Kunst, vor allem aber auf Künstler verzichten müssen, hat er fünf von ihnen ins Studio geholt und sie in seinem Namen um den Tisch versammelt. Sie sitzen ein bisschen verhalten um diesen Tisch in Erwartung des Moderators, der sich auf seine angenehm schusselige Art durch die Sendung bewegt.

Jörg Thadeusz ist ein verhinderter Tänzer

Wie er in einer früheren Folge bewiesen hat, ist Thadeusz ein verhinderter Tänzer, der auch mit der vom Robert-Koch-Institut erlaubten Pandemie-Zuwaage fast schwerelos vom Geiger Michael Barenboim zur Schauspielerin Maren Eggert gleitet, von der Sängerin Fatma Said zur Tänzerin Anudari Nyamsuren flattert und beiläufig dem Sänger Max Mutzke ein Kompliment für dessen Frau abnötigt. Die Ankündigung, nämlich herauszufinden, "wie Künstler Kunst machen", konkretisiert sich zwar auch in neunzig Minuten nicht richtig, dafür gibt es schöne Proben der jeweiligen Kunst zu hören und zu sehen.

Die ägyptische Sopranistin Fatma Said wird als Robert-Schumann-Interpretin vorgestellt, dann in einem Duett mit Rolando Villazón als leidenschaftliche Papagena gezeigt und singt schließlich vor weniger Gästen als in einer Kellerbar eine spanische Liebesklage, nicht ohne darauf hinzuweisen, auch das ist der öffentlich-rechtliche Bildungsauftrag, dass sich im Spanischen Wörter arabischer Herkunft finden. Bei dem ganzen Weltunglück ist es ein glücklicher Zufall, dass in einer Einspielung der junge Barenboim als erster Geiger mit seinem Vater als Dirigent zu sehen ist. Daniel Barenboim bringt in seinem West-Eastern Divan Orchestra israelische und arabische Musiker zusammen.

Nicht ganz so ergreifend sind die kommerziellen Clips, die mit einer sensationell elastischen Anudari Nyamsuren für ihr Programm im Friedrichstadtpalast und mit kosenden Pferden für den im Wildwasser schmetternden Mutzke werben. Da ist dann wieder Berlin Schwarzwälder Schaustellerprovinz.

Für die Lockerung sorgt Mark Scheibe, der im offenen Hemd als bester Udo-Jürgens-Wiedergänger aller Zeiten der Berlinale-Bären-Siegerin Maren Eggert eine Ode widmet, sodass die Angesungene tatsächlich errötet vor so viel Lob. Am Ende, wie könnte es anders sein, braust der Beifall.

Thadeusz und die Künstler, RBB, 1. Juni, 22.15 Uhr

© SZ/hy
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