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Internet:Transfermarkt für Reporter

Das amerikanische Sportportal "The Athletic" will den britischen Fußball erobern und verpflichtet zahlreiche renommierte Journalisten überregionaler Medien.

Es ist ja gerade Sommerpause in zahlreichen Sportarten, und da muss man schon aufpassen, dass einem beim Betrachten der jeweiligen Transferkarusselle nicht schwindlig wird. In der Basketballliga NBA hat ein Drittel der Stammspieler den Verein gewechselt, beim Fußball sorgen nur noch neunstellige Ablösesummen für Aufregung, der Handballklub THW Kiel hat sich kürzlich die Dienste des weltbesten Akteurs Sander Sagosen für 2020 gesichert. Es gibt noch eine Disziplin, die gerade heftig durcheinandergewirbelt wird: der britische Sportjournalismus, und das liegt vor allem an der amerikanischen Firma The Athletic.

Alex Mather und Adam Hansmann haben das Unternehmen vor drei Jahren gegründet, und weil derzeit fast alles in der Medienbranche als "Netflix für ..." bezeichnet wird, soll The Athletic also das "Netflix für Sportjournalismus" sein: Es gibt keine Werbung auf dem Portal, Abonnenten bezahlen zehn Dollar pro Monat (oder 60 Dollar pro Jahr) für exklusive Neuigkeiten sowie fundiert recherchierte und grandios geschriebene Geschichten. Dazu gibt es Video-analysen, Streitgespräche auf Podcasts, grafische Interpretationen von Statistiken.

Das Sportportal startete im Oktober 2016 in Chicago, expandierte ein paar Tage später ins kanadische Montréal und danach recht schnell in amerikanische Städte wie Cleveland, Detroit und San Francisco. Mittlerweile hat The Athletic mindestens einen Reporter in allen US-Märkten mit Profisport-Franchise, es gibt zahlreiche Experten für Uni-Sport, der von den Amerikanern mit religiösem Eifer verfolgt wird, dazu Insider für die nicht weniger beliebte Rennsportserie Nascar. Das Alleinstellungsmerkmal ist nicht der Versuch, die komplette Welt des Sports abzubilden, sondern in ausgewählten Bereichen mehr zu wissen oder besser zu erklären als die Konkurrenz - dafür braucht es Reporter, die bestens über einen Verein informiert sind.

United States of America v Netherlands : Final - 2019 FIFA Women's World Cup France

Wie werden die US-Fußballerinnen den WM-Titel vermarkten? Mit Hintergrundberichten punktet The Athletic.

(Foto: Alex Grimm/Getty)

In fünf Finanzierungsrunden hat The Athletic insgesamt 67,7 Millionen Dollar an Wagniskapital eingenommen und in Nordamerika bereits für spektakuläre Journalisten-Transfers gesorgt: Der Basketball-Experte David Aldridge, einst beim Sportsender ESPN und der Zeitung Washington Post tätig, wechselte ebenso zu The Athletic wie Baseball-Insider Ken Rosenthal und Football-Reporter Jay Glazer. Richard Deitsch, davor 21 Jahre lang bei der Zeitschrift Sports Illustrated, schreibt nun auf dem Portal, und Armen Keteyian, mehrfach ausgezeichnet als Korrespondent des Investigativ-TV-Sendung 60 Minutes, soll künftig Video- und Podcast-Formate vorantreiben.

In diesem Sommer sind mal wieder zahlreiche europäische Fußballvereine in die USA gereist, und The Athletic scheint das nun als Anlass zu nehmen, seine Berichterstattung in diesem Bereich auszuweiten. Auf der Startseite wird zum Beispiel ein Interview mit Hans-Joachim Watzke angepriesen, der Geschäftsführer von Borussia Dortmund spricht über den US-Kicker Christian Pulisic, den amerikanischen Fußballmarkt und eine mögliche europäische Superliga. Außerdem im Bereich Fußball: eine Reportage aus der Jugendakademie von Manchester City, ein Nachruf auf die Karriere des gerade zurückgetretenen Peter Crouch und eine Analyse, wie das amerikanische Frauenteam den WM-Gewinn zur Vermarktung nutzen kann.

Da geht noch mehr, und deshalb haben die Verantwortlichen von The Athletic zuletzt viele britische Journalisten abgeworben. Daniel Taylor etwa, der unter anderem den Missbrauch von Nachwuchsspielern in England aufgedeckt hatte, verkündete kürzlich seinen Abschied von der Zeitung The Guardian, Transfer-Insider David Ornstein verließ den TV-Sender BBC, Alex Kay-Jelski den Independent. Wonach das US-Portal offensichtlich sucht: Sportjournalisten, die sich auf dem Netzwerk Twitter selbst zur Marke gemacht haben.

Adam Hansmann (links) und Alex Mather haben vor drei Jahren The Athletic gegründet. Ihr Anspruch ist kein geringer: Das Portal soll das "Netflix für Sportjournalismus" werden.

(Foto: the athletic.com)

Es wechselten bislang nicht nur Reporter der überregionalen Medien Times, Star und Daily Mail, sondern auch Mitarbeiter von Regionalzeitungen wie Liverpool Echo, Brighton Argus und Yorkshire Post. Das Portal möchte im britischen Fußball zur ersten Anlaufstelle für exklusive News werden, dabei verlässt es sich wie in den USA auf die Kompetenz der regionalen Reporter, um sie dann überregional zu präsentieren. Aus dem Umfeld von The Athletic heißt es, dass dafür bis zu 50 neue Stellen geschaffen worden sind. Das Fußball-Abo soll fünf Dollar im Monat kosten, die Verantwortlichen sollen mit 100 000 Abonnenten und damit Einnahmen von sechs Millionen Dollar im Jahr kalkulieren.

Es ist fraglich, ob sich das angesichts der gewiss nicht günstigen Zugänge und des Aufbaus einer Infrastruktur rechnen wird - aber das unterscheidet alle "Netflix für ..."-Firmen von anderen Unternehmen: Der Aufbau der Marke, rasche Expansion und langfristige Dominanz des Marktes sind wichtiger als kurzfristiger Gewinn. Netflix selbst dürfte in diesem Jahr Verluste in Höhe von drei Milliarden Dollar einfahren, investiert jedoch weiter kräftig in eigene und exklusive Inhalte. So macht es auch The Athletic, und es heißt aus dem Umfeld, dass sich das Unternehmen bereits nach weiteren Märkten umsehen würde.