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Humor:Würg! Schluck! Heul!

Von 1952 an erschien Mad mit einem unverwechselbaren Cover. An mangelnder Aussagekraft der Titel lag sein Niedergang sicher nicht.

Adieu, Zahnlücke: Das legendäre Satiremagazin "MAD" steht vor dem Aus. Seit den Sechziger- und Siebzigerjahren arbeiteten dort berühmte Cartoonisten.

Abstehende Ohren, Kartoffelnase, halbdebiles Grinsen, seltsame Frisur, Zahnlücke: Alfred E. Neumann gilt als Symbolfigur für grenzenlose Dummheit. Seit 1952 ist Neumann das Gesicht des Satiremagazins Mad , zuvor hatte er schon eine zweifelhafte Karriere als Werbe- und Witzfigur hinter sich. Mit seinem Wahlspruch "What - me worry?" steht er für die Verblödung und den Niedergang Amerikas, aber auch für das Bedürfnis der Menschen, sich mit Trash zu beschäftigen.

Seit 2017 ist Donald J. Trump das Gesicht der Vereinigten Staaten von Amerika. Mit seinen oft beleidigenden Sprüchen und Kurznachrichten steht er für die Enthemmung Amerikas, aber auch für das Bedürfnis der Menschen, sich mit Trash zu beschäftigen. Indirekt waren Alfred E. Neumann und Donald J. Trump Konkurrenten, ohne dass sie sich dessen bewusst waren. Das Überleben scheint jedenfalls schwer zu sein für eine satirische Comicfigur wie Alfred E. Neumann, wenn selbst der US-Präsident wie eine satirische Comicfigur aussieht.

Auf dem deutschen Markt hatte Herbert Feuerstein großen Anteil am Erfolg des Hefts

Die Wirklichkeit wirkt jedenfalls mitunter bizarrer als jeder noch so überzeichnete Cartoon. Womöglich deshalb hat Mad nun kapituliert. Alfred E. Neumann tritt zurück und überlässt das Feld in Zukunft den real existierenden Faxenmachern. Die Redaktion des Satiremagazins gab über Twitter bekannt, dass keine neuen Inhalte mehr produziert werden. Es wird wahrscheinlich noch einige Best-of-Sammelalben geben, aber über kurz oder lang wird die gedruckte Ausgabe wohl nicht mehr erscheinen.

Mad wurde 1952 von Harvey Kurtzman und William M. Gaines gegründet, ursprünglich unter dem Titel "Tales Calculated To Drive You Mad". Das Heft entwickelte sich in den Sechziger- und Siebzigerjahren zur Ikone des gepflegten Schwachsinns mit satirischen Geschichten, experimentellen Comics und ätzenden Cartoons. Zeichner wie Don Martin, Norman Mingo und Sergio Aragonés prägten das Blatt mit ihrem Strich und einem ausgeprägten Hang zum Flachwitz. Al Feldstein, der das Magazin 30 Jahre lang als Chefredakteur leitete, verhalf Mad zu internationaler Bekanntheit. Die deutsche Ausgabe erschien von 1967 mit mehreren Unterbrechungen bis Januar 2019.

Das subversiv bis surreal wirkende Magazin war eine Gegenwelt zu den niedlichen, sexfreien Disney-Figuren und den patriotischen, brachialen Superhelden der Verlage Marvel und DC. In Märchen-Parodien fing ein zum Frosch mutierter Prinz mit meterlanger Zunge Fliegen, was immer irgendwie schiefging. "Spion & Spion", zwei windige Typen mit Hut, Sonnenbrille und Trenchcoat, konnte man als Metapher für absurden Verfolgungswahn und gegenseitige Neutralisierung im Kalten Krieg lesen. Don Martin kultivierte Riesenrübennasen und Knollenzehen, und dann gab es noch den legendären Centerfold, der keine nackten Frauen wie im Playboy zeigte, sondern beim Falten zwei Zeichnungen zu einer werden ließ.

Ähnlich wie die Donald-Duck-Übersetzungen von Erika Fuchs sorgten die deutschen Adaptionen der Mad-Comics bei Teenagern für einen erweiterten Wortschatz. Lautmalerische Sprechblasen wie "Lechz", "Würg", "Keuch", "Stöhn", "Glitsch", "Schlonk" oder "Dabbadubba" gingen in den allgemeinen Sprachgebrauch über (na gut, Dabbadubba vielleicht nicht). Wesentlichen Anteil am Erfolg auf dem deutschen Markt hatte ein gewisser Herbert Feuerstein. Der spätere Comedian und Sidekick von Harald Schmidt übernahm die Chefredaktion des Magazins, weil er ein glühender Fan der amerikanischen Mad-Ausgabe war. In den goldenen Achtzigerjahren gingen in Deutschland bis zu 300 000 Hefte über den Ladentisch. Als die Comedy-Shows im Fernsehen aufkamen und später das Internet mit seinen Katzenvideos dazu kam, ging die Auflage nach unten, und Feuerstein wechselte das Medium.

Über weite Strecken war Mad reiner Nonsens, l'art pour l'art - oder besser gesagt Schmarrn pour Schmarrn. Doch die Bedeutung des Magazins für die Popkultur ist beachtlich. In François Truffauts Verfilmung von "Fahrenheit 451" brennt ein Stapel der Witzhefte, ein symbolisches Bild für die Vernichtung von geistiger Freiheit, so gaga sie auch sein mag. Nicht das Feuer oder politische Unterdrückung machen Mad nun den Garaus, sondern die schlechten Verkaufszahlen. 1973 erreichte die US-Ausgabe noch 2,8 Millionen Abonnenten, 2017 waren es nur noch 140 000. Die deutsche Ausgabe kam am Schluss nur noch auf 12 000 verkaufte Exemplare. Der Verlag DC Comics, in dem die US-Version von Mad zuletzt erschien, hat bereits einige Autoren entlassen. Den Fans bleibt nur ein leises "Schluck", "Stöhn" und "Heul".

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