Journalistenpreis:Preis ohne Trophäe

Lesezeit: 3 min

Journalistenpreis: Die Recherchen zu "Warum Julian Reichelt gehen musste" wollte ihr eigener Verlag nicht bringen, daraufhin ging das Team von Ippen Investigativ damit zu den Kollegen vom "Spiegel" - zusammen gewannen sie jetzt den "Stern-Preis".

Die Recherchen zu "Warum Julian Reichelt gehen musste" wollte ihr eigener Verlag nicht bringen, daraufhin ging das Team von Ippen Investigativ damit zu den Kollegen vom "Spiegel" - zusammen gewannen sie jetzt den "Stern-Preis".

(Foto: Georg Wendt/dpa)

Der begehrte "Nannen-Preis" für Journalisten wurde dieses Jahr als "Stern-Preis" vergeben. Die Diskussion über Nannens NS-Vergangenheit zieht sich durch die Veranstaltung.

Nominiert waren sie noch für den "Nannen-Preis", bekommen habe die ausgezeichneten Journalisten am Mittwochabend in Hamburg dann allerdings plötzlich den "Stern-Preis" - und das freundliche Versprechen, dass man ihnen eine dazu passende Trophäe noch zuschicken werde, die allerdings noch gefertigt werden muss. Der bisher verliehene Würfel mit dem Namen des Stern-Gründers Henri Nannen drauf konnte ja tatsächlich schlecht noch weiter verwendet werden, denn von Nannen hat man sich kürzlich entliebt.

Vieles war anders an diesem Abend, wie es so ist nach Trennungen: wenige Tage vor der Preisverleihung hatte sich der Verlag Gruner + Jahr vom Namensgeber Nannen, dem 1996 gestorbenen legendären Stern-Chefredakteur, wegen dessen NS-Vergangenheit distanziert und angekündigt, den Preis einmalig als "Stern-Preis" zu vergeben, bis ein neuer Name gefunden ist. Für die Feier am Mittwochabend hatte man einen lockeren und - gemessen an den Nannen-Galas - vergleichsweise kleinen Rahmen in einem Restaurant am Osthafen mit dem Flair eines Warenspeichers gewählt. Die Moderatoren Charlotte Maihoff und Michel Abdollahi gingen zwischen den Tischen hin und her, setzten sich gelegentlich zu Gesprächen; Maihoff scherzte darüber, dass sie selber Nannen-Schülerin ist, denn auch die berühmte Journalistenschule heißt ja noch nach dem Stern-Chef, wenn auch vermutlich nicht mehr lange. Der "Stern-Preis", das war inmitten der Debatte um Nannen tatsächlich als Neuanfang zu verstehen, und dann auch noch ein schöner Abend. Ob der neue Besitzer von Gruner + Jahr, RTL, den berühmten Preis dauerhaft ins kleine Format packen will, wird sich zeigen.

Der Fall Nannen war an diesem Abend alles andere als ein Tabu, sondern das beherrschende Thema. Investigativ-Preisträger John Goetz machte deutlich, dass ihm eine Auszeichnung im Namen von Nannen große Probleme bereitet hätte. Zu seinem Team, das für einen Dokumentarfilm über einen Guantanamo-Häftling ausgezeichnet wurde, gehörte passenderweise die Gruppe vom NDR-Format Strg-F, die den Fall Nannen - dessen Details in Wirklichkeit seit vielen Jahren erforscht und bekannt waren, aber wenig thematisiert wurden - nun nochmal ins Rollen gebracht hat. In gewisser Weise saßen sie in doppelter Enthüller-Funktion am Tisch.

Der Fall Julian Reichelt wird zur "Geschichte des Jahres"

"Manchmal braucht es eben Anstöße von außen", erklärte Stern-Chef Gregor Peter Schmitz. Man habe auch deshalb kurzfristig gehandelt, um den Abend nicht zu überschatten und in Ruhe zu überlegen, wie es weitergeht. "Wie bewerten wir die journalistische Lebensbilanz Nannens - in Abwägung mit den dunkleren Seiten seiner Biografie?" Schmitz verwies auch auf die neue Stern-Nummer, die schon auslag und in der eine große Nannen-Recherche präsentiert wird - auf dem Titel angekündigt neben einer Geschichte nach bester Stern-Manier: "Sommer, Sonne, Chaos".

Als "Geschichte des Jahres" zeichnete die Jury die Berichterstattung des damaligen Ippen-Investigativteams und von Spiegel-Kollegen zum Fall des ehemaligen Bild-Chefredakteurs Julian Reichelt aus. "Warum Julian Reichelt gehen musste" von Isabell Hülsen, Juliane Löffler, Anton Rainer, Alexander Kühn, Martin U. Müller, Daniel Drepper, Katrin Langhans und Marcus Engert erschien im Spiegel. Weil das Ippen-Team seine Recherchen nach Intervention des Verlegers nicht in den eigenen Medien veröffentlichen konnte, verließ es Ippen und tat sich für die Publikation mit den Spiegel-Kollegen zusammen. Bei dem von ihnen recherchierten Fall geht es um Machtmissbrauchsvorwürfe gegen den Ex-Chefredakteur von Deutschlands größter Boulevardzeitung, Reichelt musste schließlich den Konzern Axel Springer verlassen.

In der Kategorie "Investigativ" ausgezeichnet wurde das Autorenteam John Goetz, Bastian Berbner, Ole Pflüger, Ben Hopkins, Sabine Korbmann, Barbara Biemann, Johanna Leuschen, Kathrin Bronnert, Lukas Augustin, Poul-Erik Heilbuth, Dietmar Schiffermüller, Volker Steinhoff, Stefan Buchen und Gunnar Krupp für den Dokumentarfilm Slahi und seine Folterer.

Egon-Erwin-Kisch-Preis geht an "Spiegel"-Reporterinnen

In der Kategorie "Lokal" gewannen die Journalisten Stella Vespermann, Andreas Neumann und Sebastian Manz mit einem Beitrag für Radio Bremen über Diskriminierung bei der Wohnungssuche. Einen Sonderpreis des Stern bekam der bekannte Dokumentarfilmer Stephan Lamby, der per Video zugeschaltet war.

Für die beste Reportage zeichnete die Jury Timofey Neshitov und Özlem Gezer vom Spiegel für Reportage "Die Hanau-Protokolle" aus. Die beiden sprachen mit Angehörigen der Opfer des Anschlags, bei dem am 19. Februar 2020 ein Deutscher im hessischen Hanau neun Menschen aus rassistischen Motiven erschossen hatte. Diese Auszeichnung für die beste Reportage übrigens heißt immer noch Egon-Erwin-Kisch-Preis. Nannen hin oder her, Kisch bleibt Kisch, der steht nicht in den Sternen.

Etwa hundertfünfzig Kilometer entfernt wurde am selben Abend übrigens Eske Nannen, die Witwe Henri Nannes, mit dem Niedersächsischen Staatspreis ausgezeichnet; sie hat zusammen mit ihrem Mann die Kunsthalle Emden aufgebaut. Das Museum teilt nun auf seiner Homepage mit, man sehe es als Aufgabe, Henri Nannens Lebensgeschichte umfassend zu präsentieren "und so die Einordnung des Wirkens und Schaffens von Henri Nannen zu ermöglichen". Eine externe Historikerin oder ein externer Historiker solle bald einen entsprechenden Auftrag erhalten und die Ergebnisse anschließend veröffentlichen.

Zur SZ-Startseite

Nazi-Vergangenheit des "Stern"-Gründers
:Denkmalsturz

Warum "Stern"-Gründer Henri Nannen bald aus dem Namen von Journalistenpreis und Journalistenschule gestrichen werden könnte.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB