Güner Balci & Thilo Sarrazin bei "Aspekte" "Am Anfang steht das Menschenrecht"

Ein bisschen war es wie bei Sarrazins Buch, das auch oft be- und verurteilt wurde, von Menschen, die es nicht gelesen hatten. Weshalb dann die notwendige, profunde Kritik, die an dem Werk zu üben war, im allgemeinen Geschrei unterging. Balci selbst findet Sarrazins Thesen, wonach Intelligenz zu 80 Prozent vererbbar sei, "äußerst schwierig" und "dem deutschen Bildungsideal entgegengesetzt." Grundsätzlich seien ihr viele seiner Rechnungen zu simpel.

Wer Balcis ZDF-Reportage anschaute, erkannte, dass es ausgerechnet in Kreuzberg, dem Stadtteil, der vielen noch immer als Vorbild an Toleranz gilt, Menschen gibt, die nicht viel auf die Redefreiheit Andersdenkender geben. Manche von ihnen sind Migranten.

"Ich hab keine Lust, denen einen Minderheiten-Bonus zu geben", sagt Balci bei einem Spaziergang durch Kreuzberg. Diskriminierend verhalte sich, wer Migranten nicht kritisiere, weil sie Migranten seien. "Mein Vater zum Beispiel hat sich nie als Opfer gefühlt", sagt sie. "Aber vor allem in der Welt von Linken wie Hans-Christian Ströbele kann und darf es das nicht geben - ein Türke, der kein Opfer ist."

Umgekehrt ist es für Balci eine journalistische Pflicht, mit der Kamera auf Minderheiten zuhalten. In ihrem Film "Kampf im Klassenzimmer" hat sie sich mit prügelnden Araber- und Türkenjungs beschäftigt. So bezieht Balci in der geschichtlich bedingt hoch sensiblen Debatte um gewalttätige Menschen mit Migrationshintergrund, Probleme durch den Islam und um mangelhafte Integration klar Position. Man würde vermuten, Balci agiere mit einem verbalen Florett. Aber ihre Filme haben eher die Wirkung von medialen Kettensägen - trotz des betont ruhigen Kommentars aus dem Off.

Das ist von Balci so gewollt. Die Journalistin sagt, Rücksicht auf Migranten zu nehmen, wäre nicht nur diskriminierend, sondern würde andererseits auch bedeuten, die Zuschauer für blöd zu verkaufen. "Die Leute sehen doch, was los ist", sagt sie. "Warum sollte ich es dann nicht im Fernsehen zeigen? Diese Haltung muss man sich erst einmal leisten können. Balci kann das, denn erstens gehört sie selber einer Minderheit an. Ihre Eltern sind Aleviten aus Tunceli, eine der kleinsten türkischen Provinzen. Die Angehörigen der Volksgruppe Saza sind Gastarbeiter der ersten Generation.

Zweitens hält sich Balci strikt an ein argumentatives Gerüst, quasi eine Gebrauchsanleitung für den argumentativen Nahkampf. "Am Anfang steht das Menschenrecht", sagt sie. "Dann die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau." Die Religionsfreiheit komme dagegen "irgendwo ganz unten." Sie selbst sei Feministin.

Und drittens weiß Balci sehr genau, worüber sie berichtet. Bevor sie Journalistin wurde, hat sie bei Hilfsprojekten für Mädchen in Neukölln gearbeitet. Sie hat viele junge Freundinnen gekannt, die von ihren kleinen Brüdern, entfernten Cousins oder den eigenen Vätern aus religiösen Gründen drangsaliert wurden.