Güner Balci & Thilo Sarrazin bei "Aspekte" Mediale Kettensäge

"Ich hab keine Lust, denen einen Minderheiten-Bonus zu geben": Die Journalistin Güner Balci thematisiert im Migrationsmilieu Konflikte - ohne Rücksicht zu nehmen. Sie weiß sehr wohl, was sie den Menschen mit ihrer Arbeit zumutet. Von der Arbeit einer Türkin, die Türken kritisiert.

Von Johannes Boie

Gegenüber des Cafés steht eine ehemalige Kirche, die jetzt eine Moschee ist. Das Café wiederum steht in dem Ruf, seinen Kunden neben Getränken auch Frauen anzubieten. Ein Haus weiter, im islamischen Leichenwaschhaus, kann man jetzt auch Hemden kaufen. Eine Maßnahme, die wohl dem Umsatz geschuldet ist.

Möchte die Notwendigkeit des zweiten Blicks ersparen: Güner Balci hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Dinge von vorneherein so darzustellen, wie sie ihrer Meinung nach sind. Damit man sie gleich auf den ersten Blick erkennt.

(Foto: picture-alliance)

Es lohnt sich ein zweiter Blick an dieser Straßenkreuzung in Berlin-Neukölln. Denn das allermeiste ist nicht so, wie es auf den ersten Blick scheint. An der Kreuzung steht eine zierliche, junge Frau und wartet darauf, dass die Ampel grün wird.

Güner Balci, 36, Journalistin, ist eine Spezialistin, wenn es um genaues Hinschauen, um die zweiten und dritten Blicke geht. Ihren Zuschauer und Lesern jedoch, die im Fernsehen ihre Reportagen sehen oder in Tageszeitungen lesen, will sie die Notwendigkeit des zweiten Blicks ersparen. Balci hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Dinge von vorneherein so darzustellen, wie sie ihrer Meinung nach sind. Damit man sie gleich auf den ersten Blick erkennt.

Am vergangenen Freitag zeigte das ZDF im Kulturmagazin Aspekte eine Reportage von Balci. Darin geht sie mit Thilo Sarrazin (SPD) durch Kreuzberg. Der umstrittene Ex-Senator verlässt vor laufenden Kameras ein türkisches Restaurant, nachdem zwei Kreuzberger mit andauernden Pöbeleien gegen Sarrazin für einen kleinen Tumult sorgten. Vor der alevitischen Gemeinde wird der Gast von einer skandierenden Menge vertrieben. Sowohl in dem Restaurant als auch bei der Gemeinde seien Sarrazin und das Fernsehteam angemeldet und eigentlich willkommen gewesen, erzählt Balci. Im Fall des türkischen Restaurants sei vor allem der Wirt der Angeschmierte: Er gelte nach vielen Medienberichten nun als Feind der Meinungsfreiheit. Die alevitische Gemeinde dagegen sei wohl auch unter dem Einfluss von Linksaußen-Aktivisten so stark gegen Sarrazin aufgetreten, vermutet Balci.

Den Kritiker bei den Kritisierten, das wollte Balci eigentlich zeigen. Am Ende wurde die Reportage viel mehr, nämlich ein Lehrstück über die große Aufregung, die auch ein Jahr nach Sarrazins Buchveröffentlichung noch in der öffentlichen Debatte herrscht. Denn die eigentliche Debatte brach schon vor dem Sendetermin los, befeuert durch Artikel von Balci und Sarrazin in der Welt. Nach Lektüre konnte man den Eindruck haben, der Tumult sei ein bisschen größer gewesen, als die beiden Querulanten, die dann in der Reportage zu sehen waren.

Auf die Artikel reagierte zum Beispiel Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates. Er sagte, ohne die Sendung gesehen zu haben, Balci habe einen "vorhersehbaren Eklat" inszeniert. Daraufhin gab der Autor Henryk M. Broder einen Preis des Kulturrates zurück. Zu Wort meldeten sich außerdem noch Maria Böhmer (CDU), die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Hans-Christian Ströbele (Grüne), der Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD), Guntram Schneider (SPD), Integrationsminister in Nordrhein-Westfalen, und viele, viele andere.