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Gespräch mit Gerald Hüther:"Den tierischen Anteil in uns kann man leicht wecken"

sueddeutsche.de: Ausgerechnet Nachrichten? Die gelten doch als Prototyp des Bildungsfernsehens.

Hüther: Auch Nachrichtenmacher wollen hohe Einschaltquoten - selbst bei den Öffentlich-Rechtlichen! Deshalb wird dort vieles hineingepackt, was weniger der Information dient, sondern Aufmerksamkeit erheischt.

sueddeutsche.de: Reißerische Nachrichten gehören eben zur Realität und werden obendrein lieber gesehen ...

Hüther: ... Biologisch macht das sogar Sinn, wenn wir uns gefährliche Szenen ansehen und daraus lernen können. Diesen tierischen Anteil in uns kann man sehr leicht wecken. Aber der Mensch hat im Gegensatz zum Affen das Frontalhirn, wenn es denn ausgebildet ist. Dort liegen die exekutiven Kontrollfunktionen, mit denen man niedere Instinkte kontrollieren kann. Damit könnte der Mensch sich sagen, dass er sich gerade wieder zum Affen macht.

sueddeutsche.de: An diesem Punkt setzt Medienerziehung an, man kann das Bewusstsein für diese Dinge schärfen.

Hüther: Ja. Aber dabei kann es doch nicht darum gehen, dem Kind das Fernsehen beizubringen, zu belehren, was gute und was schlechte Sendungen sind und wie viele Stunden am Tag man vor der Flimmerkiste verbringen soll. Das bringt alles nichts und das wissen wir inzwischen nur zu gut.

Wirksame Medienpädagogik müsste Kindern zeigen, wie schön das reale Leben sein kann und dass moderne Medien wunderbare Werkzeuge sind, um damit ein Werk zu vollbringen. Wie Hammer und Schraubenzieher. Kinder wollen ja normalerweise bis zum Alter von drei, vier Jahren ohnehin von sich aus gar nicht fernsehen. Sie wollen viel lieber bei allem selbst mitmachen - und an diesem Punkt wird das Fernsehen uninteressant.

sueddeutsche.de: Was ist mit Sendungen wie der Super Nanny auf RTL, wo Eltern und Kinder etwas über den gemeinsamen Umgang lernen?

Hüther: Diese Super Nanny wendet ja recht fragwürdige Methoden an. Da ist viel Konditionierung dabei und nicht immer die Art von Liebe, die man sich in einer Eltern-Kind-Beziehung wünscht. Viele Zuschauer werden sich solche Sendungen weniger deshalb anschauen, um zu lernen, sondern um sich darin zu bestätigen, dass andere Leute auch nicht besser mit ihren Kindern umgehen können. Das ist vor allem voyeuristisch.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was Eltern tun sollten, wenn Kinder Superstars werden wollen.