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Flüchtlingskrise:Vor aller Augen

Crashkurs in humanitärer Hilfe: Flüchtlinge am Bahnhof in Budapest im September 2015.

(Foto: Bielik/istvanbielik.com | BROADVIEW)

Ein Film rekapituliert die Bilder vom September 2015. Wie war das genau damals? Und was wurde aus den Menschen auf den Fotos?

Von Renate Meinhof

Es ist gut, all diese Bilder noch einmal zu sehen. Und es bedarf nur eines kleinen Anschubs, schon holt man sie auch aus den Tiefen des eigenen Gedächtnisses wieder nach vorn, denn gespeichert hat diese Bilder wohl jeder, der in den ersten Tagen des Septembers 2015 die Nachrichten verfolgt hat. Und genau darum geht es auch in Drei Tage im September - um die Macht der Bilder, ihre Wirkung auf die politischen Entscheidungen. Die Fotos von kauernden, apathischen Menschen am Budapester Ostbahnhof, der zum "medialen Amphitheater" wurde, wie es im Film heißt. Zehntausende lagen da am Boden, ganze Familien, von Flucht und Krieg gezeichnet, und junge Männer voller Willenskraft und Wut, mit Rucksäcken und Smartphones in der Hand, Männer, die bald schon auf der Autobahn Richtung Österreich marschierten. Der Stacheldraht. Die Mauer aus bewaffneten ungarischen Polizisten. Überfüllte Lager. Aber was geschah damals wirklich?

Die Dokumentation von Torsten Körner setzt auf die Kraft der Bilder und hinterfragt sie gleichzeitig. Sie versucht, das Geschehen dieser Tage zu rekonstruieren. Körner geht auch Bildern nach, die damals mit dem Stempel "Fake News" versehen wurden. Das des syrischen Mannes zum Beispiel, der sich mit Frau und Säugling in Ungarn verzweifelt auf die Bahnschienen wirft. Der Regisseur sucht die Familie heute auf, fragt: Wie war das genau? Er lässt die Menschen reden, und das ist eine der Stärken des Films. Helfer kommen zu Wort, Migrationsexperten, Journalisten und eine ganze Reihe Politiker. Hatten sie überhaupt Handlungsspielräume? Welche Fehler wurden gemacht? Warum war Deutschland, war Europa so gefährlich schlecht vorbereitet auf all das, was ja geschehen musste und was vorhersagen konnte, wer den Krieg in Syrien genau im Blick hatte, die Situation in den Flüchtlingslagern zum Beispiel, wo das Essen knapp wurde, so dass sich Hunderttausende auf den Weg machten, um zu überleben.

In Ungarn, Österreich, vor allem aber in Deutschland waren diese Tage und Wochen für ungezählte Menschen auch "Crashkurse in humanitärer Hilfe", weil sie barmherzig sein wollten angesichts des Elends. "Als Christ", sagt Innenminister Thomas de Mazière, "ist ein wichtiges Entscheidungsmerkmal die Barmherzigkeit. Einen Staat können Sie nicht nach Kriterien der Barmherzigkeit organisieren, sondern nach dem Prinzip der Gerechtigkeit." Aber: Ist Europa heute gerechter?

Und da, am Ende des Films, ist man wieder bei den Zäunen, die noch unüberwindbarer geworden sind seit diesen Septembertagen 2015, und bei der Frage, ob eine Politik der Zäune nicht auch unsere eigene Freiheit zerstört.

Drei Tage im September - Angela Merkels einsame Entscheidung, Arte, 20.15 Uhr.

© SZ vom 13.06.2017

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