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Fernsehen:Zerbrechlicher Frieden

Ist Kolumbien wieder auf dem Weg zur Idylle? Bei weitem nicht.

(Foto: Uli Stelzner)

Eine gelungene Arte-Dokumentation erzählt vom schwierigen Weg Kolumbiens in die Normalität - mit Szenen, die dem Zuschauer den Atem stocken lassen.

Von Benedikt Peters

Es gibt den einen Moment, in dem der Zuschauer den Atem anhält. Jineth Bedoya Lima schaut mit festem Blick in die Kamera, und dann erzählt die Journalistin, wie sie am 25. Mai 2000 von kolumbianischen Paramilitärs entführt, gefoltert und vergewaltigt wurde. Sie erzählt das ganz nüchtern und sachlich, mit durchgedrücktem Rücken. Und dann sagt sie: "Auch wenn sie einem alles genommen haben: Was sie einem nie entreißen können, ist die Würde."

Jineth Bedoya Limas Geschichte könnte ein Beleg dafür sein, dass Kolumbien auf dem Weg in bessere Zeiten ist. Die ehemalige Kriegsreporterin ist inzwischen aufgestiegen zur Chefin von El Tiempo, Kolumbiens mächtigster Tageszeitung. Die drei Männer, die ihr dieses entsetzliche Leid angetan haben, sind verurteilt und gegen den mutmaßlichen Auftraggeber wird nun, nach langem Kampf, endlich ermittelt. Doch in Uli Stelzners kluger Dokumentation Kolumbien - Wem gehört der Frieden? entspinnt sich auf gut 50 Minuten eine Erzählung, die zeigt: So einfach ist es nicht.

2016 hat Kolumbien offiziell Frieden geschlossen, zumindest mit der bis dahin größten Guerilla des Landes, den Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia (Farc), den Revolutionären Streitkräften Kolumbiens. Knapp drei Jahre später aber ist der Frieden wieder ernsthaft in Gefahr, und Stelzner liefert einen alles in allem überzeugenden Befund, warum dies so ist. Am ausführlichsten beschäftigt sich der Dokumentarfilmer mit der Landreform, die im Friedensvertrag vorgesehen, bisher aber nicht umgesetzt ist. Die Landlosigkeit vieler Bauern war schon ein Grund für den Ausbruch des Bürgerkriegs vor mehr als 50 Jahren. Sie sahen keine Perspektive und schlossen sich den Farc an.

Da das Land nun entgegen aller Versprechen in den Händen der Großgrundbesitzer verbleibt, greifen einige der ehemaligen Guerilleros nun wieder zu den Waffen. Das zeigt Stelzner auf weitschweifigen Touren durch dieses eigentlich so schöne Land, bei denen er immer wieder den ehemaligen Farc-Kämpfer Bladimir López Salinas zu Wort kommen lässt. Zudem legt Stelzner überzeugend dar, dass der rechtskonservative aktuelle Präsident Ivan Duque drauf und dran ist, den von seinem Vorgänger Juan Manuel Santos verhandelten Friedensvertrag zu beerdigen. Ein weiterer, wichtiger Punkt, der hängen bleibt: Die Gräuel des Bürgerkriegs sind bei Weitem nicht allein den Farc zuzuschreiben, sondern auch früheren kolumbianischen Regierungen, den Streitkräften und vor allem den von ihnen geduldeten, rechten Paramilitärs.

Lediglich in einem Punkt gerät Stelzners Dokumentation etwas einseitig. Er erweckt den Eindruck, dass es allein ein paar Großgrundbesitzer und reiche Städter seien, die kein Interesse am Friedensvertrag hätten. Das aber kann nicht richtig sein, schließlich hatten bei einer Volksabstimmung 2016 gut 50 Prozent der Kolumbianer gegen das Dokument votiert - und zwei Jahre später wählte eine Mehrheit den Vertragskritiker Duque zum Präsidenten. Wer diese einfachen Kolumbianer sind, die den Frieden nicht wollen: Das hätte man gerne gewusst.

Kolumbien - Wem gehört der Frieden? Arte, Dienstag, 21.50 Uhr.

© SZ vom 30.07.2019
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