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Fernsehen:"Wir brauchen auch Flops"

Lässiger Auftritt – die in diesem Jahr berufenen neuen Chefs der Fernsehsender aus der Mediengruppe RTL: Sascha Schwingel, Vox, (l.) und Jörg Graf, RTL.

(Foto: Mediengruppe RTL)

Vox-Chef Sascha Schwingel und RTL-Chef Jörg Graf über Wettbewerb in derselben Senderfamilie und die Herausforderung der Streaming-Angebote.

Viel hat sich in diesem Jahr gedreht in Köln-Deutz. Seit der ehemalige Vox-Chef Bernd Reichart dort im Januar Nachfolger von Anke Schäferkordt als CEO der Mediengruppe RTL Deutschland wurde, hat es in der Managementstruktur schwer gerappelt. Im Februar stieg der im Hause lange für den internationalen Fremdprogrammeinkauf zuständige Jörg Graf, 53, zum Chef von RTL auf. Im Juli wechselte Sascha Schwingel, 48, von der ARD-Tochter Degeto auf den Chefsessel von Vox. Im September fuhren beide für ihre Sender die besten Quoten seit Langem ein. Dementsprechend herrscht gerade ein bisschen Aufbruchsstimmung in Deutz. Zum Interview erscheinen die beiden Neuen erstaunlich lässig und selbstbewusst.

SZ: Herr Graf, Herr Schwingel, was sind Sie im Binnenverhältnis? Brüder, Mutter und Tochter oder Konkurrenten?

Jörg Graf: Brüder.

Wie äußert sich diese Brüderschaft?

Sascha Schwingel: Wir arbeiten gemeinsam an den gleichen Zielen.

Die wären?

Schwingel: Das beste und erfolgreichste Programm für unser Publikum zu machen. Wir arbeiten mit denselben Talenten und Kreativen im Hause und im Markt. Wir wissen, dass wir gemeinsam, wenn wir gut kommunizieren, viel besser sind, als wenn wir es alleine machen.

Wie reagieren Sie denn als RTL-Chef, Herr Graf, wenn Sie morgens sehen, dass Die Höhle der Löwen bei Vox quotentechnisch vor RTL liegt?

Graf: Erst mal freue ich mich für die Gruppe, aber auch für Sascha und sein Team.

Aber Sie versuchen doch bestimmt auch, dagegenzuhalten.

Graf: Was wir ausbauen wollen, ist eine gute Art der Komplementärprogrammierung. Wenn wir bei RTL Bachelor in Paradise senden, und bei Vox die Löwen laufen, sieht man, dass wir als Zuschauer vor allem die sehr jungen Frauen hatten, und das Publikum bei Vox war sehr breit aufgestellt. Das ist die Herausforderung heute, dass nicht jeder nur sein Ding macht, sondern dass wir zusammensitzen und uns überlegen, wie wir möglichst viele verschiedene Menschen erreichen.

Die sehr jungen Frauen bei Bachelor in Paradise, die würde ich normalerweise bei Vox verorten, weil RTL ja eher breitbeinig auftritt. Geht da was durcheinander?

Graf: Wir wollen ausprobieren, wie sehr wir als linearer Sender weiterhin jüngere Zielgruppen erreichen. Das ist uns sowohl mit der Bachelorette und mit Bachelor in Paradise gelungen.

RTL stand früher für Rammeln, Töten, Lallen. Das Töten ist weg, aber wenn man die Bachelor-Formate anschaut, dann sind Rammeln und Lallen noch satt vorhanden.

Graf: Wenn Sie das so sehen. Ich sehe da eine Facette von gut gemachter Unterhaltung.

Wenn man RTL anschaut, verkrampft man eben manchmal vor lauter Fremdscham. Vox dagegen kann man auch mit Abitur anschauen, ohne zu zucken.

Graf: Ich empfinde es bei RTL sehr spannend, diese programmliche Bandbreite zu haben. Mehr noch: genau diese Vielfalt ist RTL - von Bachelor in Paradise über Team Wallraff bis zu RTL aktuell. Mit genau diesem Mix erreichen wir Millionen von Menschen in diesem Land. Bei aller Rücksicht auf ihre Gesundheit: Wo sie verkrampfen, klatschen andere vor Begeisterung in die Hände - mit und ohne Abitur.

Herr Schwingel, bei Vox wird viel gekocht, bei Ihnen wird viel geheiratet ...

Schwingel: Eingekauft wird auch gerne. Wir sind ein Frauensender. Mit voller Überzeugung und großer Lust. Wir entwickeln uns außerdem zum Pärchensender. Es gibt Formate wie etwa Kitchen Impossible oder Die Höhle der Löwen, die gerne von Paaren geschaut werden. Wir kommen in der Daytime von der weiblichen Seite, aber vor allem in der Primetime machen wir auf, und sind attraktiv für die ganze Familie.

Wie wichtig sind Ihre samstäglichen Doku-Strecken für Vox?

Schwingel: Sehr wichtig. Wer macht schon am Samstag vierstündige Dokus und hat damit auch noch Erfolg? Die liegen uns am Herzen, und werden sehr gehegt. Eine Vier -Stunden-Doku ist ein dickes Brett.

Sie machen das am Samstag vor allem, damit sie dem Supertalent bei RTL nicht in die Quere kommen.

Schwingel: Genau das meinen wir, wenn wir sagen, wir programmieren komplementär. Mein erster Blick geht morgens natürlich auf die Vox-Quoten, aber der zweite Blick geht auf die Gruppe. Und wenn ich sehe, dass RTL erfolgreich war und dass wir erfolgreich waren, dann ist das ein besonders guter Morgen. Dann macht es Spaß, dann haben wir alles richtig gemacht.

Graf: In einem kreativen Geschäft wie unserem brauchen wir aber auch Flops, um besser zu werden. Wir reden immer darüber, was wir besser machen können. Das ist ein anderes Mindset.

Schwingel: Das ist das, was uns antreibt. Wenn man morgens aufsteht und hat die Nation bewegt, mit dem, was man da gemacht hat, das ist echt ein tolles Gefühl.

Klingt gut, aber trotz Ihrer ganzen Power, trotz Ihrer 700 Journalisten rennen die Leute alle zu Netflix und Amazon.

Schwingel: Wirklich? Es ist ein Fakt, dass wir unsere Quoten jeden Tag veröffentlichen und die Streamingdienste nicht. Da stellt sich die Frage der Währung. Ich kenne die Zahlen von Babylon Berlin ziemlich genau, was wo geschaut wurde, weshalb ich die pauschale Aussage, dass das Publikum zu Streamingdiensten läuft, sehr kritisch beäugen würde.

Amazon und Netflix haben auf jeden Fall ein besseres Image.

Schwingel: In gewissen Kreisen scheint es cooler zu sein, zu streamen.

Was sind gewisse Kreise?

Schwingel: Das sind gewisse Altersgruppen und gewisse Milieus. Es gibt verschiedene Studien, die übrigens zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen kommen.

Graf: Obwohl junge Zuschauer auch heute 140 Minuten Fernsehen am Tag gucken, wächst gerade bei dieser Zielgruppe auch die Nutzung von Streaming-Angeboten. Daher wäre es für uns als Medienhaus ziemlich dumm, Streaming nicht auch anzubieten ...

... was Sie ja mit TV Now auch tun ...

Graf: Richtig, wir streamen RTL seit 2007. TV Now wächst mehr als erfreulich. Und wir sind überzeugt, dass Streaming in der Mitte der Gesellschaft ankommt. Mit genau der Bandbreite an Programm, die wir heute zusammen anbieten. Aber deshalb lassen wir News oder Live-TV ja nicht sein - im Gegenteil, wir bieten beides.

Sie wollen aber doch cool werden.

Schwingel: Ich will gutes Programm machen. Entscheidend ist ja, dass es Menschen gibt, die abends nach Hause kommen und unser lineares Programmangebot gerne nutzen. Die wollen eine Kompilation, und die bekommen sie von uns.

Aber wenn Sie sagen: Die jungen urbanen Trendsetter streamen, dann hat das doch Auswirkungen. Die legen ja nicht ihr Notebook zur Seite und schauen RTL oder Vox.

Schwingel: Sie können uns gerne bei TV Now auf dem Notebook gucken. Schauen Sie doch mal auf die Radionutzung. Die ist dieses Jahr gestiegen. Trotz Spotify. Es ist ja logisch, wenn ein neuer Shop aufmacht, gehen die Leute erst einmal dahin und orientieren sich. Am Anfang sind alle nach Berlin-Mitte gezogen, dann war Mitte plötzlich nicht mehr so geil, und alle sind wieder zurück nach Charlottenburg gezogen, und dann hat es sich eingependelt. Ich glaube, dass das auch hier passiert. Streaming gehört ebenso dazu wie lineares Fernsehen. Klar im Vorteil ist, wer beides bietet.

Momentan heißt es, der Serienboom sei bald vorbei, der 90-Minüter komme zurück. Sehen Sie das genauso?

Schwingel: Ich bin beim Aufkommen des Serienbooms ebenso wenig in Hysterie verfallen, wie ich das jetzt bei einem vermeintlichen Abflachen des Serienbooms tue. Vor einigen Jahren wurde der 90-Minüter totgeredet. Es gab schon immer beides, und es wird immer beides geben. Mal ist das eine schick, mal das andere. Mir wird da viel zu viel über die Form geredet. Ich komme lieber vom Inhalt. Das Format muss sich danach richten, was das Beste für die Geschichte ist.

Man sagt, Live-Fernsehen sei das probate Mittel gegen den Serienboom.

Graf: Ich glaube da total dran.

Sie wollen bei RTL demnächst eine Herz-Operation live zeigen.

Graf: Wir haben viel zu lange da gesessen und wie Kaninchen auf die neuen Wettbewerber gestarrt, anstatt zu schauen, was uns abhebt. Und da ist das Thema Live-TV ein spannendes Alleinstellungsmerkmal. Wir wollten in der Vergangenheit oft zu perfekt sein. Wir betreiben bei Liveshows einen Riesenaufwand, damit nichts schiefgeht. Aber eigentlich ist es ja auch mal ganz spannend, wenn was schiefgeht.

Bei einer Live-Operation wäre das mit dem Schiefgehen eher suboptimal.

Graf: Sie dürfen erwarten, dass wir da Vorkehrungen treffen. So etwas bespricht man vorher mit Ärzteteams. Eines ist klar: Man kann ja auch vom Sender gehen. Die Verantwortung hat in solch einem Fall der behandelnde Arzt. Wenn der sagt: Kameras aus, dann sind wir runter vom Sender.

Wann soll die Operation gezeigt werden?

Graf: Wir rechnen damit, dass wir das noch dieses Jahr machen, aber letztlich gilt: Wir machen es dann, wenn alles stimmt.

Sie sind auf den Shitstorm gefasst, wenn Jens Spahn sich gegen Ihre Live-OP ausspricht?

Graf: Als Geschäftsführer von RTL darf man keine Angst vor Shitstorms haben. Das ist im Paket mit drin.