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Fernsehen:Putin pur

„Nicht von monarchischen Ambitionen leiten lassen“: Wladimir Putin.

(Foto: Evgenia Novozhenina/AP)

Eine Arte-Dokumentation zeigt den russischen Präsidenten in seinen Anfängen - auf eine Weise, die er heute wohl kaum mehr zulassen würde.

Am wichtigsten Tag seines bisherigen Lebens entschied er sich für den grauen Wollpulli mit Zopfmuster. Nun steht er im Lichte der Neonröhren, umgeben von seinen Wahlhelfern, und lächelt zurückhaltend. Als ob er sich ein wenig wegen der 51,2 Prozent, die er nach ersten Auszählungen bekam, genieren würde. Den Rotwein ext er trotzdem, ohne zu zögern, am Abend des 26. März 2000. Schließlich ist er, der 47 Jahre alte Wladimir Wladimirowitsch Putin, gerade vom russischen Volk zum Präsidenten Russlands gewählt worden.

Diese Szene, so intim, dass der heutige Putin sie vermutlich nicht autorisieren würde, ist im Dokumentarfilm Putins Zeugen zu sehen. Das Privatleben des Präsidenten, überhaupt jeder Blick hinein in die Kulissen seiner Macht, wird heute von der Öffentlichkeit ferngehalten. Vor 19 Jahren, ließ er viel mehr Nähe zu. Der russische Filmemacher Vitali Manski drehte damals einen Putin-Imagefilm fürs Fernsehen. 18 Jahre später, mittlerweile im Exil, sichtet er das verworfene Material und legt einiges offen. Die Kamera beobachtet, der Autor selbst kommentiert aus dem Off.

Manski konnte jenes Jahr dokumentieren, das eine Wende in der jüngsten Geschichte Russlands markiert: vom Abgang des Präsidenten Boris Jelzin von der politischen Bühne bis zu den ersten Regierungsmonaten Putins als Herrscher mit der versprochenen "starken Hand". Heute sind diese Einblicke Gold wert. Weil sie einmalig sind, weil sie erkenntnisreich sind, weil sie mit ihrer Neunzigerjahre-Homevideo-Ästhetik den Eindruck vermitteln, diese wichtigen Männer unverfälscht zu erleben.

Alles beginnt an Silvester 1999, dem symbolisch letzten Tag des 20. Jahrhunderts. Jelzin verkündet überraschend seinen Rücktritt. In der langsamen Redeweise eines alten, kranken Mannes bittet er sein Volk um Verzeihung. Und serviert ihnen den Namen seines Nachfolgers wie ein bereits sorgfältig vorbereitetes Mahl: Putin soll die Staatsgeschicke lenken. Dieser zeigt sich dem Filmer in philosophierenden Zweiergesprächen über die Grenzen der Macht oder über die Bedeutung der Demokratie. Dabei entstehen so verstörende Zitate wie: "Man sollte sich nicht von monarchischen Ambitionen leiten lassen." Eindringlich sind auch die Bilder bei den Jelzins zu Hause. Putins Wahl garantiert der Familie Schutz vor drohenden Korruptionsverfahren. Die vor Freude tänzelnde Tochter mit Sektgläschen erklärt sich da von allein.

Die Bilder offenbaren eine starke filmische Intuition für die menschliche Psyche. Wen berührt nicht der kurze Zoom auf Jelzins Gesicht, als er vergeblich auf den Anruf Putins am Wahlabend wartet und realisiert, dass er keinen bekommt? Mit Manski blickt man in die Untiefen russischer Vetternwirtschaft. Kombiniert mit Szenen aus dem Familienleben des Filmers.

Putins Zeugen ist authentischer Making-Of-Film, politischer Kommentar und spannende Dokumentarkunst in einem. Alle, die in Russland eine Bedrohung westlicher Werte sehen, können ein differenzierteres Verständnis bekommen. Und alle, die schon vergessen haben, wie Russland mal ohne Wladimir Putin war, werden wachgerüttelt.

Putins Zeugen , Arte, Mittwoch, 22.05 Uhr.