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Eurovision Song Contest:Hurra, es glitzert wieder

ROTTERDAM - Tornike Kipiani from Georgia with the song You during the second semifinal of the Eurovision Song Contest 2

Sänger Tornike Kipiani, ESC-Kandidat für Georgien.

(Foto: imago images/ANP)

Oscars, Grammys, Lyrikübersetzungen - alles wird komplizierter. Der ESC bleibt eine Bastion der klaren Botschaften und damit der wichtigste Musikwettbewerb. Ein Lob des Mainstreams.

Von Marlene Knobloch

Ein bodenlanger, schneeweißer Fellmantel schleift über den türkisen Teppich. Hautenge Bodysuits schimmern in den Spektralfarben wie unbeschriebene CD-Rohlinge. Und Deutschland? Schlurft stillos als rosa Faust mit gestrecktem Mittelfinger am Rotterdamer Pier entlang. Es ist wieder Eurovision Song Contest. Mit Opulenz, Überdrehtheit, Trash und Camp die Zeit der schillernden Klarheit.

Es ist die Zeit, in der Länder zu dramatischen Persönlichkeiten werden. Schweden ist wieder die selbstbewusste Abba-Nation, die als Land der wichtigen Töne gleich eine Hymne an die Freiheit nach Rotterdam schickt. Das sonst glücklose Litauen hat diesmal vielleicht eine Chance. Das seit 1993 schmollende Luxemburg schaut gelangweilt vom Spielfeldrand zu, und das sich nach europäischer Liebe sehnende Deutschland will der Welt mit seinem Beitrag wieder beweisen, dass es sich nicht so ernst nimmt. Denn Stefan Raabs "Wadde hadde dudde da" und Guildo Horns "Guildo hat euch lieb" von 1998 haben es nicht geschafft, das Land von seinem Wir-sind-lustig-Komplex zu befreien. Es ist die Zeit, in der Europa 39 Mitglieder hat (ja, Australien gehört auch dazu): eine wimmelnde Society, aufgekratzt, toupiert und ehrgeizig. Ihre Auftritte müssen funkeln, brennen, berühren, sie schwitzen, sie kreischen, sie weinen.

Jetzt kann man mit Marcel Reich-Ranicki fragen: Ja, aber was soll der Blödsinn? Die Wir-hatten-damals-noch-Vicky-Leandros-Mauler beschweren sich über den Trash von heute, die Deutschen schon immer über ihre eigenen Kandidaten, Katja Ebstein jammert "jetzt singen alle auf Englisch", und manch Kolumnist forderte, weil das ein Kolumnist immer gern fordert, die Abschaffung des Eurovision Song Contest. Und vielleicht ist der diesjährige Grand Prix Eurovision de la Chanson wie ihn Katja Ebstein nennt, so hat man das nämlich, Augenrollen, zu ihren Zeiten gesagt, in der größten Beweispflicht seiner Geschichte. Zum ersten Mal seit 1956 fiel der Wettbewerb letztes Jahr pandemiebedingt aus. Und wenn so ein Ereignis aus dem Jahresrhythmus der Weltgesellschaft fällt, kriecht gern mal der Alles-infrage-Steller aus seinem Dickicht: So, was hat eigentlich gefehlt? Lohnt sich der Aufwand?

Für alles in dieser kontingenten Welt braucht der Mensch einen Experten

Ja. Mehr denn je brauchen unsere "Frank, dein Mikro ist aus"-geschädigten Ohren Pailletten-Pop, bis uns Engelsflügel zur Nase rauswachsen. Und um die Zweifler mit Systemtheorie zu verscheuchen: All we need is Komplexitätsreduktion. "Die allgemeine Lebenslage des Menschen ist gekennzeichnet durch eine übermäßig komplexe und kontingente Welt", wusste Niklas Luhmann. Nichts im Leben ist einfach, für alles in dieser kontingenten Welt braucht der Mensch einen Experten.

Der Eurovision Song Contest ist eine Bastion der Klarheit. Das heißt nicht, dass er nicht Probleme verhandelt. Aber mal zum Vergleich: Bei den Oscars ist jedes Räuspern eine Message. Die Veranstaltung verzichtet zwar inzwischen auf selbstironische Moderation, dafür begleiten aber verlässlich Diversitätsdiskussionen das Event, und Lyrikübersetzungen verzetteln sich in vielstimmigen Debatten. Auch den wichtigsten US-amerikanischen Musikpreis überschatteten trotz neuester Task Force für mehr Inklusion und Diversität verwirrende Missbrauchsvorwürfe und Manipulationen, Kanye West pinkelte, warum auch immer, aus Protest gegen den Preis in seinen Grammy. Während also die meisten Kulturveranstaltungen im Zeitalter entzündlicher Empfindlichkeiten und Shitstorms stattfinden, bleibt der ESC verlässlich progressiver Mainstream. Pop mit klaren Skandalen, die Schneisen schlagen.

Schon im zweiten Jahr des Grand-Prix 1957 knutschten sich Birthe Wilke und Gustav Winckler mit 13 Sekunden in die Historie des jungen Wettbewerbs. Ein Kuss. So einfach, so effektvoll. Die Fortsetzung dieses Knutsch-Eklats folgte im Jahr 2005 beim Auftritt der Band t.A.T.u zwischen hohen, schrillen Sechzehnteln und den Lippen zweier russischer Mädchen, die sich nicht berühren durften, sonst drohte die ESC-Leitung, die Übertragung abzubrechen. Die zwei Mädchenmünder blieben brav getrennt.

Conchita Wurst, 2014, "Rise Like a Phoenix".

(Foto: Frank Augstein/AP)

Der Mainstream funktioniert mit simplen politischen Messages, die wirkungsmächtig sein können. Die transsexuelle Künstlerin Dana International sorgte in Israel in religiösen Kreisen für Proteste, in Ägypten wurde die arabische Version von "Diva" verboten. Und als Conchita Wurst 2014 als Dragqueen wie eine Meerjungfrau im goldenen Paillettenkleid "Rise Like a Phoenix" schmetterte, riefen Russland, Polen und die Türkei zum Boykott auf - folgenlos. Conchita Wurst gewann den ESC für Österreich.

Die russische Sängerin Manizha singt: "Russische Frau, du bist stark."

Auch in der Rotterdamer Ahoy-Arena gibt es dieses Jahr Messages. Peter Urban lobte das "aktuelle Thema" von Jendrik Sigwart: "I don't feel hate". Hass - damit erwischt man seit 2000 Jahren treffsicher den Nerv der Zeit. Die politisch krasseste Botschaft kommt aus Russland von der 29-jährigen Sängerin Manizha. Im fahrbaren Trachten-Zeltkleid, dann, Outfitwechsel, im roten Overall singt sie: "Russische Frau, du bist stark." Auf dieses Statement kann man "Alles klar" entgegnen oder wie die Vorsitzende des Föderationsrats und Putin-Vertraute Walentina Matwijenko: "Das ist totaler Schwachsinn."

Der Mainstream spricht in Reich-Ranickischer Eindeutigkeit. Und unterstreicht die unmissverständlichen Botschaften mit ästhetischer Überzogenheit. Federkostüme und Meerjungfrauflossen sind die Antwort auf die Komplexität der Welt, auf zeitgenössische Diskurse, die sich in scharfkantige Aspekte zersplittern. Der Wettbewerb hat sich seine Klarheit in unklaren Zeiten bewahrt.

Ja, früher war mehr Vicky Leandros, aber früher war auch mehr Kalter Krieg und weniger intersektionaler Feminismus. Der Feind war kein im Aerosol-Nebel verstecktes Virus. Statt Covid-19 trug er eingängige Namen wie Franz Josef oder Erich.

Der diesjährige norwegische Kandidat "Tix" trägt, um allen Missverständnissen vorzubeugen, seinen Namen auf einem Glitzer-Stirnband. Dazu wehklagt er in einem Nebelmeer vor blau zuckenden Blitzen und Feuerfontänen mit Fesseln an den Handgelenken, deren Ketten in den schwarz befiederten Händen vier behörnter Tänzer liegen, dass er ein gefallener Engel ist. Nun, auch das hat Marcel-Reich-Ranicki klargestellt: "Es muss Spaß geben."

© SZ/hy
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