Diskussion um ARD-Serie:"Durchaus bedrohlich"

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Diskussion um ARD-Serie: Die ARD-Serie "Eldorado KaDeWe" ist in großen Teilen erfunden - aber das Kaufhaus und seine Geschichte gibt es wirklich.

Die ARD-Serie "Eldorado KaDeWe" ist in großen Teilen erfunden - aber das Kaufhaus und seine Geschichte gibt es wirklich.

(Foto: ARD Degeto/RBB/Constantin Television)

Ist die Serie "Eldorado KaDeWe" von Julia von Heinz rufschädigend? Über eine aufschlussreiche Diskussion an der Schnittstelle von Kunst und Unternehmensinteressen.

Von Willi Winkler

Nach 43 Minuten wird deutlich, worum es geht. Julia von Heinz sagt zu John-Philip Hammersen, "dass ein Brief, wie Sie ihn geschrieben haben, im ersten Moment durchaus bedrohlich wirkt". Julia von Heinz ist nicht so leicht zu erschrecken, in ihrem Film Und morgen die ganze Welt (2020) schildert sie, inspiriert von eigenen Erlebnissen, mit welcher Brutalität Neonazis vorgehen. Für die ARD hat sie jüngst die Serie Eldorado KaDeWe - Jetzt ist unsere Zeit gedreht, in der es gleich zu Beginn recht gewalttätig zugeht. Ein paar Männer dringen gewaltsam in das Kaufhaus des Westens ein und werden zurückgeschlagen; einer kommt auf ziemlich drastische Weise ums Leben. Fernsehen eben, beste Sendezeit.

Hammersen, Geschäftsführer der gemeinnützigen Hertie-Stiftung, fielen zwei Einblendungen zur Firmengeschichte auf, er sah rot und schrieb in einem Brief an die ARD- Programmdirektorin Christine Strobl, dass die Serie "rufschädigende Tatsachenbehauptungen" präsentiere, "in Zeiten von 'Fake News' und 'alternativen Fakten'" auf eine Überprüfung dieser Behauptungen verzichte und damit das Vertrauen in die öffentlich-rechtlichen Sender beschädige. In einem Livestream (nachzusehen bei Youtube) diskutierten am Mittwochabend Hammersen und Heinz über "Aufarbeitung deutscher Geschichte zwischen Kunst und Verantwortung".

Die Kunst ist nicht unbedingt bedroht, aber manchmal kann sie doch etwas ausrichten und die Selbstzufriedenheit einer Institution bedrohen. Die Szene am Anfang ist erfunden wie der größte Teil der Serie. Aber es gibt das KaDeWe in Berlin wirklich, es hat eine längere Geschichte, und ein Teil von dieser Geschichte kommt auch vor. Alfred Hitchcock hätte gesagt: "It's only a movie." Hammersen, aber das mag daran liegen, dass er kein Regisseur, sondern "verantwortlich für die Querschnittaufgaben Kommunikation, Veranstaltungsmanagement, Personal und IT sowie für das Förderprogramm Mitwirken" ist, sieht einen "unhaltbaren Bezug zur heutigen Wirklichkeit".

Wo das schöne Geld für die Hertie School herkam? Ein Texttafel verursacht Aufregung

Um Missverständnissen oder vielmehr juristischen Auseinandersetzungen vorzubeugen, wird zu Beginn jeder Folge der Satz eingeblendet: "In der Serie werden tatsächliche und fiktionale Ereignisse miteinander verwoben." Dieses Verweben ist nach Meinung von John-Philip Hammersen nicht ganz gelungen, jedenfalls nicht so, wie er sich das vorstellt. Schließlich geht es um den guten, den gemeinnützigen Ruf auch der Hertie School, an der überwiegend ausländische Studenten eingeschrieben sind. Die Hertie-Stiftung wurde von Georg Karg 1953 mit einer runden Milliarde Mark ausgestattet. Aber wo kam es her, das schöne Geld? Am Ende der Serie ist auf einer Texttafel zu lesen: "Georg Karg übernimmt das ganze Tietz-Imperium und entschädigt die Familie nach 1945 mit einer geringen Summe."

Georg Karg hat viele Millionen verdient, und zwar vor und nach der Währungsreform von 1948. Er wurde 1933 Geschäftsführer der Hertie GmbH, zu der als bedeutendstes Geschäft das KaDeWe gehörte, dann Eigentümer. Die jüdischen Eigentümer wurden aus der Firma gedrängt und nach 1945 teilentschädigt. Dass die Entschädigung gering gewesen sein soll, ärgert Hammersen bei der Diskussion offenbar immer noch, denn er bleibt bei seinen "Tatsachenbehauptungen", obwohl der Historiker Christoph Kreutzmüller bestätigt, dass die Angabe zutrifft. Für Hammersen muss man das "im zeitlichen Kontext" sehen, womit er auf die erbärmliche Restitutionspraxis der Fünfzigerjahre verweist.

Der schöne Mythos vom fleißigen Nachkriegsdeutschland und die Kriegsgewinne

Die Bundesrepublik hat sich sehr früh einen Mythos zugelegt und dann viele Jahrzehnte daran festgehalten, weil er zu schön war und deshalb auch unbedingt wahr sein musste. Diese Geschichte geht nur unwesentlich vereinfacht so: Nach dem verlorenen Krieg waren alle gleich arm, spuckten in die Hände, räumten die Trümmer weg und bauten jedenfalls Westdeutschland wieder auf. Bei der Währungsreform bekam jeder vierzig Mark, also hatten alle gleich viel und schufen mit Hilfe der D-Mark und der erwähnten fleißigen Hände gemeinsam das Wirtschaftswunder.

Es dauerte lange, bis durch wissenschaftliche Untersuchungen bestätigt war, dass Familien wie die Flicks und die Quandts ihre Kriegsgewinne in satte Friedensdividenden ummünzen konnten. Die gegenwärtige Freude des Fernsehens an zeitgeschichtlichen Stoffen rührt auch an diese Geschichte. Wenn es Julia von Heinz vor allem darum geht, Georg Karg, der eine Hauptrolle bei ihr spielt, "als Mensch zu begreifen", geht es für die von ihm gegründete Stiftung nicht um Kunst, sondern um Verantwortung, von der sie bis vor Kurzem noch nicht viel wissen wollte. In der Diskussion wurde beiläufig erwähnt, dass die Erforschung der eigenen Geschichte erst intensiviert wurde, nachdem sich Studierende der Hertie School an die Süddeutsche Zeitung gewandt hatten.

Theodor Heuss war einer der wenigen, die sich gegen diese so lang, so erfolgreich erzählte Nachkriegsgeschichte wandten. Als ihm Konrad Adenauer 1956 vorschlug, Friedrich Flick mit dem Bundesverdienstkreuz auszuzeichnen, sträubte sich beim Bundespräsidenten Heuss das "Stilgefühl", und er schrieb zurück: "Er ist ein höchst versierter Käufer und Verkäufer von Aktienpaketen - das ist eine schöne Sache, bei der man verdient, aber sich nicht notwendigerweise Verdienste erwirbt."

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