Doku "So frei nach Schnauze"

Der ägyptische Videoblogger Hazem al-Seddiq irritiert Tilo Jung, weil er gläubig und modern zugleich ist.

(Foto: SWR/Ufa)

Die "extrem einseitige" Berichterstattung treibt Videoblogger Tilo Jung in die arabische Welt, um dort junge Kollegen zu treffen. Doch krankt auch sein Film daran, dass westliche Maßstäbe auf den Nahen Osten übertragen werden.

Von Dunja Ramadan

Ein hehres Vorhaben treibt Videoblogger Tilo Jung und seinen Producer Alex Theiler in den Flieger: Sie reisen in die arabische Welt, um mit jungen Menschen zu sprechen - war doch die Berichterstattung über diese Region in den letzten Jahren "in vielen Aspekten extrem einseitig". Im Fokus des Arte-Films Follow Me, produziert vom Digitalableger der Ufa, stehen junge Videostars aus Kairo, Dubai und Istanbul, die über Mode, Reisen, Religion und Politik sprechen. Dürfen die auch "so frei nach Schnauze" berichten, "wie wir das hier machen", will Jung wissen? Der Name seiner Videoreihe Jung&Naiv ist also auch diesmal Programm. Die wesentlich interessantere Frage wäre gewesen: Welchen Themen widmen sich junge Leute, wenn das Aufzählen der Tabus länger dauert, als ein Abend-Make-Up-Tutorial auf Youtube?

Stattdessen klingt es fast wie ein Vorwurf, wenn Jung den ägyptischen Videoblogger Hazem al-Seddiq fragt, warum er nicht über Politik spricht oder die emiratische Comedy-Bloggerin Maha Jaafar nicht über Sex? Jung würde doch auch Spielerfrau Cathy Hummels nicht vorhalten, dass sie so selten über Politik spricht. Schon mal auf die Idee gekommen, dass man das als Follower vielleicht gar nicht hören will? Oder, anderer Punkt: dass man dafür sogar verhaftet werden könnte?

Ein weiterer Schwachpunkt der Doku ist, dass die westlichen Maßstäbe für konservativ, säkular, liberal, strenggläubig eins zu eins in die arabische Welt übertragen werden. So klingen die Crashkurse über arabische Länder sehr oberflächlich: Vereinigte Arabische Emirate, absolutistische Monarchie, gesellschaftliches und politisches Klima liberaler als in vielen anderen arabischen Ländern. Im Hintergrund: Ein Strand und Frauen im Bikini. Ist das Klima deshalb "liberal"? Der ägyptische Videoblogger Hazem al-Seddiq erhält den Stempel "streng gläubig", auch wenn er sich selbst als "modernen Muslim" bezeichnet: Er geht ins Fitnessstudio, hilft seiner berufstätigen Frau im Haushalt und praktiziert, wie viele seiner Landsleute, nun mal eben den Islam. Umso begeisterter scheint Jung vom ägyptischen Blogger Hany Mustafa zu sein, der sich halbnackt auszieht, dabei vor allem flucht und gern mit frauenfeindlichen Fotos auffällt. Seine "freie" Lebensart nennt Jung "great".

Dennoch gelingt es Autorin Anna Moll und Regisseur Farid Eslam zu zeigen, wie vielseitig und lebendig die arabische Bloggerszene ist - was vor allem an der Auswahl der Persönlichkeiten liegt. So wirkt die quirlige Reisebloggerin Haifa Beseisso aus Dubai erfrischend glaubwürdig, wenn sie über ihre alleinerziehende Mutter und das Leben als Frau in der arabischen Welt spricht. Wesentlich ausgewogener ist die sechsteilige Webserie zum Film, I Follow, aufrufbar in der Arte-Mediathek. Sie widmet sich Themen wie Zensur, Hate Speech, Liebe und Sex - und gibt diesmal Followern die Möglichkeit, sich abseits europäischer Maßstäbe zu erklären.

Follow me: Arabische Videostars, Arte, 22.10 Uhr.