China: Journalist verfolgt und bedroht:Gefährliche Verwechslung

China: Journalist verfolgt und bedroht: Mathias Bölinger war für die Deutsche Welle in Zhengzhou, als er für einen BBC-Reporter gehalten wurde.

Mathias Bölinger war für die Deutsche Welle in Zhengzhou, als er für einen BBC-Reporter gehalten wurde.

(Foto: privat)

Weil er für einen BBC-Korrespondenten gehalten wurde, verfolgt und bedroht eine wütende Menschenmenge in der chinesischen Stadt Zhengzhou den deutschen Journalisten Mathias Bölinger.

Von Lea Sahay, Qingdao

Mehrere ausländische Journalisten sind bei ihrer Berichterstattung über die Flut in der chinesischen Stadt Zhengzhou behindert und bedroht worden. Darunter der deutsche TV- und Print-Journalist Mathias Bölinger, der seit vielen Jahren aus China berichtet. Er war im Auftrag der Deutschen Welle in die zentralchinesische Provinz Henan gereist, um über die Folgen der extremen Regenfälle zu berichten, bei denen mindestens 58 Menschen starben.

Dem Vorfall war die Kritik einiger Internetnutzer auf dem Blogportal Weibo an einem Beitrag des britischen Korrespondenten Robin Brant vorausgegangen, der darin die Maßnahmen der Lokalregierung hinterfragte. Bei der Flut waren mindestens zwölf Menschen in einer überfluteten U-Bahn ertrunken. Die Zentralregierung hatte lokale Behörden vor den Überschwemmungen dazu aufgefordert, ihre Notfallpläne zu überprüfen.

Auch wenn viele Betroffene die Behörden kritisierten, attackierten Internetnutzer den britischen Journalisten, er würde absichtlich Fakten verdrehen, und bezeichneten ihn als "Gerüchte verbreitenden Ausländer". Im Vorfeld hatte bereits die staatliche Global Times die Berichterstattung des Senders angegriffen. Der Kommunistische Jugendverband Henans forderte seine 1,6 Millionen Follower auf Weibo dazu auf, den Aufenthaltsort des britischen Journalisten herauszufinden.

Mathias Bölinger: "Sie brüllten, dass ich ein übler Kerl sei und aufhören sollte, China zu verunglimpfen."

Am nächsten Tag gerieten daraufhin die Bürochefin der amerikanischen Los Angeles Times Alice Su und der deutsche Journalist Mathias Bölinger in eine wütende Menschenmenge, die beiden Reporter führten zu diesem Zeitpunkt gemeinsam Interviews mit Flutopfern. Die Menschengruppe umringte die Journalisten, da sie Bölinger mit seinem britischen Kollegen verwechselten.

Auf Twitter berichteten Su und Bölinger anschließend von dem Vorfall. Bölinger schrieb, dass er bereits im Laufe des Tages immer wieder verfolgt und fotografiert worden sei. Einige aus der Gruppe hätten ihn geschubst und angeschrien: "Sie brüllten, dass ich ein übler Kerl sei und aufhören sollte, China zu verunglimpfen." Eine Person habe versucht, ihm sein Handy aus der Hand zu reißen. Mehrfach sei er gefragt worden, ob er der BBC-Reporter Brant sei. "Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn ich wirklich er gewesen wäre", schrieb Bölinger, der die Ereignisse auch in einem Telefonat mit der SZ schilderte. Auf Twitter sprach der Journalist von einem "beängstigenden" Arbeitsumfeld für Medien aktuell in China. Videoaufnahmen bestätigen den Vorfall.

Auch andere ausländische Journalisten berichteten von gewaltsamen Übergriffen in der Stadt.

Mehrere Mitarbeiter der betroffenen Medien erhalten seitdem Morddrohungen. Auch andere ausländische Journalisten berichteten von gewaltsamen Übergriffen in der Stadt. Der Schweizer Journalist Martin Aldrovandi berichtete auf Twitter, dass Betroffene freimütig Auskunft gäben, bis jeweils Behörden auftauchten und die Interviews beendeten. "Auch hier zeigt sich das steigende Misstrauen gegenüber ausländischen Journalisten", kommentierte Aldrovandi.

Das Blogportal China Digital Times, das Internetzensur in China dokumentiert, veröffentlichte geleakte Anweisungen der Behörden an die örtlichen Bezirke. Diese sollten durch Vor-Ort-Besuche bei Geschäften dafür sorgen, dass ihre Besitzer nicht mit ausländischen Medien sprechen. Jeder "Vorfall" sei zu melden.

Der Foreign Correspondents Club (FCCC), eine Vereinigung ausländischer Journalisten in China, zeigte sich "sehr besorgt". Besonders die Beteiligung von Organisationen verbunden mit der Kommunistischen Partei gefährdeten direkt die körperliche Sicherheit ausländischer Journalisten und behindere die freie Berichterstattung. Der FCCC sei "enttäuscht und bestürzt über die wachsende Feindseligkeit gegenüber ausländischen Medien in China".

Die Zahl der ausländischen Journalisten ist in China seit 2019 auf ein historisches Tief gefallen. Mindestens 20 Journalisten wurden im vergangenen Jahr ausgewiesen. Zuletzt im März hatte ein Korrespondent des Senders BBC aus Sorge um seine Sicherheit das Land verlassen.

© SZ
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