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Datenjournalismus:Das zahlt sich aus

Im Kampf um Leser macht die "New York Times" verstärkt aus Daten Geschichten. Geleitet wird das Team von Pulitzer-Preisträgerin Sarah Cohen. Für Einzelkämpfer ist darin kein Platz - für Informatiker auch nicht.

Von Nikolaus Piper

Wandel zeigt sich zuweilen in ganz unscheinbaren Modewörtern. Sie kommen irgendwoher, sie scheinen zunächst trivial, dann merkt man plötzlich, dass man mit anderen Augen in die Welt schaut, dass der Begriff die eigene Perspektive verändert hat. Eines dieser Modewörter ist "Datenjournalismus". Der Begriff hat in den vergangenen Jahren eine erstaunliche Karriere gemacht. Die publizistische Auswertung der Enthüllungen von Edward Snowden im Guardian und in anderen Medien fällt unter diese Rubrik, Wikileaks, Off-shore Leaks, Luxleaks oder auch der "Zugmonitor" der Süddeutschen Zeitung. Datenjournalismus - das bedeutet Texte, Grafiken und Videos produzieren in einem Zeitalter, in dem die Redaktionen mit Daten überschüttet werden, in dem es völlig ungeahnte Möglichkeiten und schwer kalkulierbare Risiken gibt.

Aber ist das alles so neu? Journalisten haben schon mit Daten zu tun gehabt, seit es den Beruf im modernen Sinne gibt. Es ist schwer, als Wirtschaftsjournalist zu arbeiten, wenn man nicht eine Bilanz oder eine Gewinn- und Verlustrechnung lesen kann. Ein Lokaljournalist sollte wissen, wie man einen Gemeindehaushalt auseinander nimmt. Und natürlich haben Journalisten auch früher Daten missbraucht oder sind mittels falscher Daten missbraucht worden. Was sich geändert hat, ist die schiere Menge an Daten und die beispiellosen technischen Möglichkeiten, sie journalistisch umzusetzen.

Zu den Stars des Datenjournalismus in den Vereinigten Staaten gehört Sarah Cohen. "Der größte Wandel im Investigativ-Journalismus kam mit der Xerox-Maschine, dem Kopierer", sagt sie am Rande einer Fachkonferenz der Digitalisierungs-Initiative Münchner Kreis. "Dadurch konnte man Dokumente lesen, ohne das Original zu besitzen. Der zweite große Schritt kam dann, als man die Kisten mit den Kopien durch Computer-Dateien ersetzen konnte." Quantität schlug jetzt in eine neue Qualität um.

The offices of the the New York Times media empire in Midtown in New York on Thursday January 15 2

Früher wurde hier eine Zeitung gemacht - aber seit die Redaktion vom Digitalen her denkt, sagt man hier "Produkt" dazu: Der Sitz der New York Times.

(Foto: imago/Levine-Roberts)

Sarah Cohen leitet seit 2012 bei der New York Times ein Team von sechs Kollegen, das sich mit "Computer-Assisted Reporting" befasst, sie ist also die oberste Datenjournalistin der Times. Zuvor war sie viele Jahre Reporterin bei der Washington Post, im Jahr 2002 wurde sie mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet für ihre Geschichte über eine mysteriöse Serie von Todesfällen in der Kinderfürsorge der amerikanischen Hauptstadt. Für kurze Zeit verließ sie den Journalismus und lehrte an der Duke University in North Carolina amerikanische Politik. Dann kam das Jobangebot aus New York.

Die New York Times weckt in diesen Monaten noch stärker als sonst die Neugier der Branche. Der Times-Wolkenkratzer an der Eighth Avenue in Manhattan ist eine Art Labor, in dem die Konsequenzen des digitalen Zeitalters für den Journalismus erprobt und umgesetzt werden. Zumindest stellen die Macher der Times dies selbst so dar. Die traditionelle Konferenz, auf der die Titelseite festgelegt wurde - einst eine fast heilige Handlung - gibt es nicht mehr. Stattdessen wird das Produkt ("Zeitung" sagte man nicht mehr) ständig vom Digitalen her gedacht. Im vergangenen Jahr gelangte ein 90-seitiger interner "Innovationsreport" an die Öffentlichkeit. Darin hatte ein Team von Times-Machern um den Sohn des Herausgebers, Arthur Sulzberger Jr, aufgeschrieben, was der Times noch fehlt, um im digitalen Zeitalter zu bestehen. "Meine persönliche Verschwörungstheorie ist: Das sollte geleaked werden. Der Report war aufgemacht wie ein Magazin, das macht man nicht bei einem internen Memo", sagt Cohen. Die Times will sich also zusehen lassen, wenn sie sich auf die Zukunft vorbereitet.

Datenjournalismus soll in dieser Zukunft eine zentrale Rolle spielen. Cohen schildert sich selbst und ihre Kollegen als eine Art Eingreiftruppe, die sich bei Bedarf mit Reportern, die einzelne Gebiete betreuen (beat reporter), zusammentun und Artikel gemeinsam entwickeln und schreiben. Beispiel ist eine große Geschichte über die zum Teil deprimierenden Arbeitsbedingungen in New Yorker Nagelstudios. Arbeitsgrundlage der Recherche waren riesige Datensätze aus der Arbeitsverwaltung des Staates New York.

Sarah Cohen

Star des Datenjournalis mus: Sarah Cohen.

(Foto: Kevin Percival)

"Vieles, was wir machen, wäre in Deutschland wegen Ihrer Datenschutzgesetze gar nicht möglich", sagt Cohen und lässt offen, was sie davon hält. Nun ja, nicht ganz: "Es war schon ein Schock, als ich erfuhr, dass Gerichtsakten bei Ihnen nicht öffentlich sind."

Tatsächlich hat Amerika eine ganz andere Tradition im Umgang mit Daten im Journalismus als Deutschland. Das hat mit dem Watergate-Skandal von 1972 zu tun. Die Machenschaften von Präsident Richard Nixon schufen in Amerika ein neues Bewusstsein für Öffentlichkeit. Der Freedom of Information Act wurde danach so verschärft, dass er Verwaltungen heute zwingt, auch unbequemes Material auf Anfrage herauszugeben. Das Gesetz wartete nur auf das digitale Zeitalter. In jüngster Zeit wird die Informationsfreiheit allerdings immer wieder eingeschränkt - nicht wegen des Datenschutzes, sondern wegen der tatsächlichen oder vermeintlichen Zwänge der nationalen Sicherheit.

Die neue Datenwelt verändert auch die Verhältnisse in den Redaktionen selbst. "Traditionell galten bei der Times nur die Leute etwas, die Artikel schrieben", sagt Sarah Cohen. "Heute gehört jeder zum Team. Ein einzelner kann den Artikel nicht mehr alleine schreiben, es ist ein Gemeinschaftswerk." Wer in ihrem Team eine führende Position übernehme, müsse in der Lage sein, einen Algorithmus selber zu schreiben und mit anderen Leuten zusammenarbeiten, die das können. Wichtig sei es aber, dass bei der Times Journalisten arbeiten, die etwas von Informatik verstehen und nicht Informatiker, die sich mit Journalismus beschäftigten. Journalistische Standards zu entwickeln sei heute wichtiger denn je.

Viele amerikanische Redaktionen sehen in Big Data eine Chance, den Lesern etwas zu bieten, was andere nicht können. Die Los Angeles Times hat ein starkes Daten-Team, viele Regionalzeitungen auch. Inzwischen gibt es auch ein "Handbuch des Datenjournalismus". Darin schreibt Sarah Slobbin vom Wall Street Journal: "Das neue Daten-Universum kann durchsucht werden, um Geschichten zu erzählen, Fragen zu beantworten und ein Verständnis vom Leben auf eine Weise vermitteln, die gegenwärtig besser sind als die noch so gründliche und sorgfältige Nacherzählung von Anekdoten."

Unterdessen arbeitet das Labor der New York Times weiter. Heute hat die digitale Ausgabe 957 000 Abonnenten, nach einem Plus von 47 000 im ersten Quartal. Trotzdem sind die Gewinne zurückgegangen. Die wichtigste Konsequenz des Innovationsreports sei es gewesen, sagt Sarah Cohen, dass die Redaktion jetzt so systematisch wie möglich versucht, Facebook, Twitter und die anderen sozialen Medien zu nutzen. Sie sieht es als Bemühen, die Leser, wann immer es geht, genau dort abzuholen, wo sie sind. "Es ist, als sei ein Teil der Vertriebsabteilung jetzt in die Redaktion verlagert worden."

© SZ vom 23.05.2015
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