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Casting-Show "The Voice of Germany":Ruf! Mich! An!

Tay Schmedtmann ist 'The Voice of Germany' 2016

The Voice-Gewinner Tay Schmedtmann (links) an der Seite seines Mentors Andreas Bourani.

(Foto: Richard Hüobs/SAT.1)

"The Voice of Germany" ist eigentlich eine der charmanteren Shows im deutschen Privatfernsehen. Das Finale war allerdings mit so viel Kommerz vollgepackt, dass es vor allem für Verdruss sorgte.

Das Finale von The Voice of Germany zu sehen, fühlte sich am Sonntagabend ungefähr so an, wie Zeuge einer Beziehung zu sein, die ihre beste Zeit lange hinter sich hat. Einer Beziehung, die nur noch zusammengehalten wird von guten Erinnerungen an schöne Momente und der Angst, einen Fehler zu machen, wenn man sie beendet. Um es kurz zu machen: Man hätte diese sechste Staffel früher beenden sollen, auf jeden Fall vor der letzten Sendung, vermutlich schon vor dem Halbfinale.

Denn eigentlich ging es sehr charmant und lustig los. Die Jury hatte ihre Rollen schnell wieder gefunden, Smudo und Michi Beck von den Fantastischen Vier gaben die coolen Sprücheklopfer, Samu Haber, der radebrechende Finne, war mehr so der Kumpeltyp, Yvonne Catterfeld kam neu dazu, als stets reizende und topprofessionelle Betreuerin ihrer Kandidaten. Und weil ja irgendeiner der Streber sein muss, der allen auf die Nerven fällt, war Andreas Bourani wieder dabei und hat diesmal sogar gewonnen, mit einem jungen Mann namens Tay Schmedtmann, der natürlich sehr schön singen kann.

Aber es geht bei der Show ja nun nicht so sehr darum, wer gewinnt, sondern um das Entertainment bis dahin. In seinen guten Momenten ist The Voice of Germany eine wunderbare Unterhaltungsshow mit viel Gefühl, in der die Jury und die Moderatoren gewisse Rollen erfüllen und die Sänger nicht viel mehr tun müssen, als einst die Kandidaten bei Wetten dass . . ?: eine Sonderbegabung zu einer Leistung hochtrainieren, die im Fernsehen präsentabel ist.

Lena Gerke könnte ihrem Kollegen entschiedener das Wort abnehmen

An diesem Sonntag aber gab es keine guten Momente, obwohl dafür reichlich Zeit gewesen wäre, die Show dauerte immerhin von 20.15 Uhr bis Mitternacht. Stattdessen wurde das Finale von dermaßen viel Werbung unterbrochen und zwischendurch noch Werbung für die neuen Alben internationaler Sänger und der Jury-Teilnehmer gemacht, dass man am Ende das Gefühl hatte, überhaupt nichts anderes gesehen zu haben als Werbung. Und das stößt einem dann doch mindestens so übel auf wie der Verzehr von fünf Big Macs, runtergespült mit zwei Litern Red Bull.

Es half auch nicht, dass der Moderator Thore Schölermann vor sich hinschwadronierte wie ein Fitnesstrainer, der nicht begreifen will, dass seine Sprüche nur in kurzen Hosen funktionieren, nicht aber im Smoking.

Seiner deutlich besseren Co-Moderatorin Lena Gercke wünschte man da fast ein Seminar für Frauen in Führungspositionen, damit sie ihm in Zukunft noch entschiedener das Wort abnimmt.

Dass der Sieger und sein Lied am Ende mittendrin einfach abgeschnitten wurden, nachdem man sich ohnehin schon fühlte, als wäre man vor dem Tele-Shopping-Kanal eingedöst, bestätigte den Verdruss.

Aber klar, es war zu dem Zeitpunkt kein Geld mehr mit Anrufern für die Kandidaten zu verdienen. Man schaltete also den Fernseher ab, als müsste man mit letzter Kraft eine Beziehung beenden, mit der bitteren Erkenntnis, zu viel Lebenszeit an sie verschwendet zu haben.