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"Bild"-Chef schreibt an "Zapp":"Kai D. aus B."

Höhepunkt von Diekmanns Camouflage war ein YouTube-Video im Spiegel-TV-Stil, in dem ein mäßig anonymisierter "Kai D. aus B." über unfassbare Roaming-Gebühren klagte, die die Telekom dem echten Kai Diekmann aus Berlin in Rechnung gestellt hatte. Es ging um 40.000 Euro.

Man sah. Man rätselte. Man fragte sich: Was will er? Ja, was will er von Zapp? Diekmann war an diesem Dienstag für keine Erklärung erreichbar. Ein Bild-Sprecher bestätigte nur die Echtheit der E-Mails und teilte mit, der Chefredakteur habe sich erlaubt, Zapp "kreative Hilfestellung für Geschichten zu geben - die der Einfachheit halber gleich mit dem typisch einseitigen Zapp-Tenor versehen" worden seien. Die Antworten der Redaktion habe man entnommen, dass die Vorschläge "durchaus positiv" angekommen seien.

Das ist nett, und es entspricht vielleicht einem Bild-Sinn für Humor. Eine Antwort ist es nicht. Seit fast zehn Jahren ist Kai Diekmann Bild-Chef. Wenn nichts dazwischen kommt, wird er im Herbst länger im Amt sein als alle Vorgänger, länger sogar als Peter Boenisch (1961 bis 1971), der in den achtziger Jahren Regierungssprecher Helmut Kohls wurde. Regierungssprecher Diekmann? Der Posten wurde gerade neu besetzt.

Doch was kommt noch für Kai Diekmann, 46? Ein Springer-Vorstandsposten? Bei Bild kann Diekmann es sich bequem machen - nicht wegen der Auflage, die bewegt sich weiter abwärts, aber zumindest wegen der dreistelligen Millionengewinne, die Bild abwirft. Und unter Diekmann ist Bild in gewissen gesellschaftlichen und politischen Kreisen heute akzeptiert.

"Bild ist für Zapp kein feststehendes Feindbild", sagt auch Julia Stein. Die Zeit der furchtbaren Kampagnen scheint vorüber zu sein. Bild ist heute ein Blatt von vielen. Mal doof. Mal gut. Kurz: stinknormal. Man regt sich nicht mehr auf, sondern lächelt über den Komödianten an der Spitze. Das ist das Erbe Diekmanns.

Zapp, mittwochs, NDR, 23.05 Uhr.

© SZ vom 28.07.2010/berr
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