ARD-Politmagazin "Panorama" wird 50 Politiker ergreifen die Flucht

Jüngere Menschen, sofern sie überhaupt noch mit TV aufgewachsen sind, werden mit Panorama vor allem eine Szene verbinden, den Klassiker: Panorama konfrontiert einen Politiker unvermittelt und vor laufender Kamera mit einer heiklen Frage. Es gibt unzählige Filmschnipsel, in denen Volksvertreter da vor den Reportern wegrennen.

Zauberhaft immer noch der Dialog zwischen Stephan Stuchlik ("Guten Tag, Stuchlik, Panorama, eine Frage: Wofür haben Sie die Gelder von Herrn Kirch bekommen") und Helmut Kohl ("Damit ich Ihr Gesicht betrachte und das reicht mir"). Das alles ist lustig und passt sogar zum Youtube-Zeitalter.

Aber vielleicht ist es auch so, dass die ganz große Zeit von Panorama endete, als Politiker die Sendung nicht mehr mit aller Macht attackierten, sondern vor ihr die Flucht ergriffen. In den Talkshows, mit denen die ARD ihr Publikum demnächst fünfmal pro Woche verwöhnt, ist man netter zu ihnen. Aber wie nett darf Journalismus sein?

In den frühen Jahren jedenfalls wurden in der Hamburger Panorama-Redaktion wie kaum sonstwo die Spielräume des Fernsehens in der Bonner Demokratie abgesteckt - und gegen massive Eingriffsversuche der Politik verteidigt. Es ging nicht um Nettigkeiten. Ernste Männer moderierten jazzunterlegte Beiträge an. Mit einer legendären Sendung 1962 zur Spiegel-Affäre nahm Panorama dem Verteidigungsminister Franz Josef Strauß die Deutungshoheit über die Durchsuchung beim Hamburger Nachrichtenmagazin aus der Hand. CSU-Mann Strauß - der mit Panorama eine innige Feindschaft pflegte ("Es steht ein Unstern über dieser Sendung") - Strauß und Konrad Adenauer sprachen von Landesverrat. Panorama sprach von Pressefreiheit.

Unter Redaktionsleitern wie Paczensky, Rüdiger Proske, Joachim Fest oder Peter Merseburger maß sich die Relevanz der Sendung in Wahrheit an der Presse - von der die ersten Panorama-Chefs ja auch kamen. An Spiegel, Stern, Zeit. In gewisser Weise war Panorama in den berühmten Jahren, obwohl Rundfunk, eher ein Holzmedium; es hat überhaupt erst dazu beigetragen, dass man dem Fernsehen ähnliche politische Bedeutung zutraute wie der gedruckten Presse. Später verschaffte Panorama der Hausbesetzer-Szene Beachtung und den Protesten gegen das Atomkraftwerk Brokdorf. Zum Eklat kam es 1974 über eine Abtreibung vor laufender Kamera. Der Beitrag von Alice Schwarzer durfte auf Beschluss der Intendanten nicht gesendet werden, die Redaktion boykottierte die Sendung. Panorama-Redakteur Stefan Aust spürte das NS-Todesurteil auf, das Hans Karl Filbinger angeblich nie unterzeichnet hatte, bald darauf trat Filbinger als CDU-Ministerpräsident von Baden-Württemberg zurück.

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