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Algorithmen:Streit um Leser

Facebook leitet weniger Menschen auf Nachrichtenseiten weiter. Warum das so ist? Dazu gibt es mehrere Erklärungsmöglichkeiten.

Von Johannes Boie

In den vergangenen zehn Monaten sind immer weniger Menschen über Facebook auf große Nachrichtenseiten weitergeleitet worden. Das zeigen zwei Untersuchungen von Analysten für Datenverkehr im Netz. Die Studien beziehen sich auf die 50 größten Medienmarken, die auf Facebook präsent sind und auf Nutzer, die Computer verwenden - keine Mobilgeräte. In dieser Gruppe hat zum Beispiel das in den USA äußerst populäre Angebot Huffington Post seit Januar 60,1 Prozent weniger Seitenaufrufe über Facebook bekommen. Ähnlich sieht es bei Buzzfeed (40,8 Prozent) und Fox News (48,2 Prozent) aus.

Für Verlage und Redaktionen sind die Zahlen bedrohlich. Für sie sind die Nutzer, die auf Facebook einen Link klicken und dann auf die Seiten der Verlage kommen, äußerst wichtig, denn nur mit Nutzern auf der eigenen Seite verdienen Verlage derzeit einigermaßen Geld. Entscheidet sich Facebook, seinen Nutzern weniger Nachrichten zu zeigen, verlieren die Nachrichtenredaktionen Geld. Außerdem stellen die Zahlen erneut die Frage nach der ethischen Verantwortung des kalifornischen Konzerns: Was sollen Nutzer überhaupt sehen, wenn sie auf Facebook sind?

Möglicherweise steckt hinter den Zahlen eine neue Strategie des Konzerns. Facebook könnte die Nutzer lieber selbst auf seiner Seite behalten, als sie an die Verlage weiterzuleiten. Sprecher des Unternehmens widersprechen dem. Sie sagen, die insgesamt steigende Anzahl von Inhalten auf Facebook würde dazu führen, dass Nachrichten weniger oft angezeigt würden.

© SZ vom 10.11.2015
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