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Aktion von Jeff Bezos:Journalismus im Sonderangebot

Die "Washington Post" wird digital zur Beigabe von Amazon. Egal, wem von beiden das mehr nützt - der Eigentümer und Versandhandelsgründer Jeff Bezos gewinnt auf jeden Fall.

Von Karoline Meta Beisel und Viola Schenz

Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, haben auch die Washington Post abonniert: Der Online-Versandhändler Amazon nimmt Digital-Abonnements der Washington Post in seinen Prime-Katalog auf. Nutzer, die gegen eine Jahresgebühr besonderen Service erhalten, können die Zeitung künftig sechs Monate lang gratis lesen, danach kostet das Abo 3,99 Dollar im Monat - was einer Ersparnis von 60 Prozent entspricht. Das gab Amazon am Mittwoch in Seattle bekannt.

Ein Angebot dieser Art hatten Beobachter schon länger erwartet. Amazon-Gründer Jeff Bezos hatte die Washington Post im August 2013 für 250 Millionen Dollar gekauft. Seitdem wurde immer wieder spekuliert, ob oder vielmehr wann der Milliardär sein Webportal mit der Traditionszeitung strategisch verbinden würde. Bereits 2014 ließ Bezos die App der Washington Post auf dem Amazon Tablet Kindle installieren, aber das war nur ein Trippelschritt im Vergleich zu dem, was der Konzern jetzt angekündigt hat. Die berühmte Washington Post wird eine Beigabe von Amazon.

Das Abo-Angebot für Prime-Kunden ist unschlagbar günstig, selbst für amerikanische Verhältnisse: In den USA sind Zeitungs- und Zeitschriftenabonnements meist sehr viel billiger als etwa in europäischen Ländern. Derzeit ist das Angebot auf Kunden in den USA beschränkt. Bezos will die Washington Post, deren publizistische Bedeutung zwar groß ist, die sich aber auf die Ostküste konzentriert, offensichtlich zu einer Konkurrenz zu der immer globaler agierenden New York Times ausbauen. Diese verlangt für ein digitales Voll-Abo ohne Rabatte 35 Dollar pro Monat.

Die Zahl der Amazon-Prime-Mitglieder wird auf 25 bis 40 Millionen geschätzt, der Konzern macht hier keine genauen Angaben. Das Prime-Angebot könnte der Washington Post also tatsächlich viele neue Leser bringen und helfen, das Blatt zu einer weltweiten Medienmarke auszubauen. Allerdings drängt sich die Frage auf, welchen Wert Bezos seiner Zeitung eigentlich beimisst, wenn er sie für derart wenig Geld unter die Leute bringt. Der Qualitätsjournalismus, für den die Post bekannt ist, lässt sich von 3,99 Dollar pro Monat jedenfalls nicht finanzieren. Auf der anderen Seite dürften die sechs Monate Gratis-Abo auch viele Kunden in den kostenpflichtigen Prime-Dienst locken. Neben besseren Lieferkonditionen bietet Amazon da vor allem eine wachsende Datenbank mit Filmen und Fernsehserien.

Ob nun Amazon oder die Washington Post durch die Aktion wächst - sicher ist: Jeff Bezos gewinnt auf jeden Fall.

© SZ vom 17.09.2015
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