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Hörfunk:Eintritt in die Wirklichkeit

Eine sechsteilige Serie beim Deutschlandfunk spürt die Illusionen beim Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr auf.

Von Stefan Fischer

Bundeswehr Kundus Afghanistan

Bundeswehrsoldaten im Einsatz in Afghanistan: Das Ziel, das Land wieder aufzubauen, ist im Lauf der Jahre in den Hintergrund gerückt.

(Foto: Fabrizio Bensch/Reuters)

Seit beinahe zwanzig Jahren entsendet Deutschland Soldaten nach Afghanistan. Das aktuelle Mandat des Bundestages für den Einsatz endet am 31. März. Die Bundeswehr bereitet sich deshalb auf den Abzug vor. Sie muss aber auch gewappnet sein für den Fall, dass das Parlament die Mission in dem nach wie vor destabilisierten Land verlängert. Insofern ist die Bundeswehr in Afghanistan derzeit notgedrungen vor allem mit sich selbst beschäftigt.

Der Journalist Marc Thörner, spezialisiert auf die Berichterstattung aus den Maghreb-Staaten sowie aus dem Irak, Pakistan und eben Afghanistan, begleitet den Einsatz der Deutschen am Hindukusch von Anfang an und hat darüber mehrere einstündige Features für verschiedene öffentlich-rechtliche Radiosender realisiert. Nun legt er für den Deutschlandfunk eine besonders umfassende Recherche vor, die sechsteilige Serie Der verlorene Frieden. Deutschlands Einsatz in Afghanistan.

Statt von Kasernen spricht man lieber von Wiederaufbauzentren

Zwei Dinge nimmt Thörner in den Blick: die Wahrnehmung des Einsatzes in der deutschen sowie die in der afghanischen Öffentlichkeit. In Deutschland seien die Aufgaben der Bundeswehr verharmlost worden. Lange wurde vermieden, von einem Krieg zu sprechen oder davon, dass deutsche Soldaten in Kasernen oder Militärbasen stationiert seien. Lieber sprach man von Wiederaufbauzentren. Die paradoxe Vokabel "zivilmilitärisch" wurde erfunden.

Dass die Bundeswehr auch würde kämpfen müssen, darauf war die deutsche Öffentlichkeit nicht vorbereitet - und die Soldaten seien es auch nicht ausreichend gewesen, weder was die Ausrüstung und Bewaffnung betraf noch die klare Benennung ihrer Aufgabe. Thörner macht das an Aussagen von Politikern, Offizieren und auch einfachen Mannschaftsgraden fest. "Das habe ich damals schon für gefährlich gehalten, dass man den Leuten nicht die Wahrheit sagt", äußert sich etwa ein Soldat in der Auftaktfolge: Es habe Krieg geherrscht, viele in der Truppe hätten jedoch geglaubt, sie würden als Friedensbewahrer agieren. Damals, das meint die Jahre, als der Norden des Landes, in dem die Deutschen operierten, noch sicherer war als der umkämpfte Süden.

Die Vorstellung, die Bundeswehr würde nicht kämpfen müssen, war illusorisch

Beide Seiten, die deutsche wie die afghanische, hätten sich selbst belogen, so Thörner. Bei den Afghanen waren die Deutschen anfangs hoch angesehen, weil sie sich eben nicht an der Seite der verhassten Amerikaner und Briten an den Gefechten beteiligt haben. Diese anfängliche Unschuld musste die Bundeswehr zwangsläufig verlieren. Das hat die Beziehungen zwischen Deutschen und Afghanen verkompliziert, weil auch die Einheimischen nur zu gerne glauben wollten, die Bundeswehr sei keine Armee, sondern eine Art Technisches Hilfswerk.

Es gibt gute Gründe für das jeweilige Verhalten der Bundeswehr, der gravierendste ist der Schutz der eigenen Leute. Das stellt Marc Thörner nie in Abrede, er ist zurückhaltend mit Schuldzuweisungen. Vielmehr schildert er nüchtern die Umstände, die das Ansehen der Bundeswehr in der afghanischen Zivilbevölkerung beschädigt haben. So müssen Einheimische von ihren Eseln oder Motorrädern steigen, wenn Deutsche vorbeifahren - Folge eines Selbstmordanschlags, der mit einem Fahrrad verübt wurde und bei dem zwei Deutsche und fünf afghanische Kinder starben. Viele Zivilisten fühlen sich unter Generalverdacht gestellt und sehen darin das Gebaren einer Besatzungsmacht. Dass die Deutschen schwer bewaffnet in einem Dorf auftauchen, um über den Bau einer Schule zu reden, werde entweder als tiefes Misstrauen oder als Feigheit interpretiert. Und dass Oberst Georg Klein, verantwortlich für die Bombardierung zweier Tanklaster, bei der 2009 Dutzende Zivilisten getötet worden sind, später zum Brigadegeneral befördert worden ist, empfinden nicht nur Angehörige der Opfer als Verhöhnung.

Der verlorene Frieden trägt dazu bei, diesen Auslandseinsatz, der in der öffentlichen Wahrnehmung in Deutschland eine geringe Rolle spielt, wieder in den Blick zu nehmen - differenziert und informiert.

Der verlorene Frieden. Deutschlands Einsatz in Afghanistan, DLF, dienstags, 19.15 Uhr.

© SZ/tyc
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