bedeckt München 22°

Abspann:Trauriger Fantast

Buchpräsentation

„Ich, der Reporter“ – Michael Jeannée hat Plácido Domingo verteidigt.

(Foto: action press)

Die Kolumne über Beobachtungen aus der Medienwelt. Diesmal mit Michael Jeannées Ergüssen über Opernsänger Plácido Domingo.

Der Franz Josef Wagner Österreichs - zur Erinnerung, in Deutschland ist das der umstrittene Bild-Kolumnist - heißt Michael Jeannée, und er hat in seinem Leben einige Sätze in die Kronen Zeitung geschrieben, bei deren Wiedervorlage man hofft, es möge auch im Jenseits einen Presserat geben, der sich dieser Sätze irgendwann in aller Ruhe noch einmal annehmen wird. Als ein 14-jähriger Einbrecher von einem Polizisten tödlich verwundet worden war, schrieb Jeannée: "Wer alt genug zum Einbrechen ist, ist auch alt genug zum Sterben." Nachdem er sich mit dem Rapper Sido angelegt hatte, sagte Jeannée: "Der Sido, der gehört vernichtet." Und das Wunderlichste am Internetlexikoneintrag von Michael Jeannée ist dann aber doch, dass da lang und breit die genannten und andere Widerlichkeiten beschrieben stehen und dass danach erst der Abschnitt "Kontroverse" beginnt.

Kontroverse? Da ist man gedanklich natürlich sofort auf Twitter, und genau dort hat die Schauspielerin Mavie Hörbiger jüngst auf eine Kolumne Jeannées hingewiesen, die so reich an Unfug ist, dass einen dieses beklemmende Kinderzimmergefühl aus ganz frühen Tagen einholt: Wo nur anfangen aufzuräumen? Jeannée schreibt in dieser Kolumne über die Vorwürfe sexueller Belästigung gegen den Opernsänger Plácido Domingo. Der Fall Domingo, dies in aller Kürze, ist lange nicht so eindeutig, wie andere bekannte Fälle es sind. Problematisch ist auch gar nicht, dass Jeannée Domingo in seinem Text verteidigt.

Sehr problematisch ist, wie er das tut. Jeannée schreibt, dass er, der Reporter (Jeannée: "Ich, der Reporter"), irgendwann in den Achtzigern und ein paar Mal danach ihm, dem Domingo, irgendwie begegnet ist und dass er die Vorwürfe einiger Frauen gegen diesen deswegen "unglaubwürdig und absurd" finde. Das alles beschreibt Jeannée ohne genaue Betrachtung der Anklage und stattdessen in einer ältlichen Boulevardprosa, die nicht mal der allergrößte Helmut Dietl hätte genießbar persiflieren können. Die Kolumne Jeannées ist einfach ein onanistischer Text, der unangenehm viel über die Anmaßungsleichtfertigkeit und die zweifelhafte Berufsethik seines Urhebers erzählt - und sonst, leider: überhaupt nichts. Der Text ist eine traurige Fantasie, die in fataler Bequemlichkeit die eigene Sympathie über das Interesse an Wahrheit stellt.

Ich, der Kolumnist, kann kein Französisch. Aber kann doch sein, dass Jeannée ein aus jeunesse und passé zusammengekoffertes Wort ist, das die Misslichkeit beschreibt, den Verlust der Jugend nie überwunden zu haben.