bedeckt München 30°

50 Jahre Satellitenübertragung:Seit fast fünfzig Jahren kein Muckser mehr

Zuerst aber gab es eine kleine Sendepanne: Zwar wollte man am 23. Juli 1962 eine Pressekonferenz Kennedys als erstes Ereignis live übertragen. Doch statt des Präsidenten, yes, it's live, sah man einen Ausschnitt aus dem Baseballspiel der Philadelphia Phillies und der Chicago Cubs. Erst nach ein paar Sekunden schaltete man um auf Kennedy in Washington. Ganz so einfach lief das alles noch nicht. Telstar 1, dessen (wegen der Solar-Panels) gefleckt anmutende Erscheinung tatsächlich dem "Adidas Telstar" als Vorbild diente, jenem Fußball aus zwölf schwarzen Pentagonen und 20 weißen Hexagonen, der 1970 als offizieller Spielball der Weltmeisterschaft in Mexiko diente, flog rund um die Erde.

Er eierte elliptisch. Anders als Satelliten, die eine geosynchrone Umlaufbahn um unseren Planeten haben, deren Umlaufzeit um die Erde also deren Rotationsdauer entspricht, ging das 77,2 Kilogramm schwere Kügelchen mit einem Durchmesser von 88 Zentimetern gewissermaßen seiner eigenen Wege, und zwar mit Entfernungen von der Erde, die zwischen 952 und 5933 Kilometern maximal schwankten.

Darum konnten erste Live-Übertragungen nicht länger als 20 Minuten dauern, danach riss die Verbindung ab. Erst zweieinhalb Stunden später war das Kerlchen dann wieder ansprechbar. So lange dauerte seine Erdumrundung. Aber, so lautete das Vorhaben damals, man würde weitere von der Weltraumbehörde Nasa und dem Telekommunikationskonzern AT&T entwickelte Blechkugeln ins All jagen, und die könnten sich den Dauerübertragungsdienst da oben unter sich aufteilen.

Mit erloschenen Augen und tauben Ohren

Daraus wurde nichts. Zum einen entdeckte man sehr bald, dass kontinuierliche Übertragungen wohl besser von geostationär positionierten Satelliten erfolgen müssten. Zum anderen hatten die Amerikaner ihren Kommunikationsball unwillentlich und unwissentlich mit dem Start selber beschädigt. Am 9. Juli 1963 hatten sie einen Starfish Prime genannten Kernwaffentest in einer Höhe von 400 Kilometern über der Erde durchgeführt. Und genau durch diese Wolke aus radioaktiv verseuchten Partikeln hatte man einen Tag später die Thor-Delta-Rakete mit ihrem Telstar 1 geschickt. Das haben seine Transistoren nicht verkraftet. Schon nach vier Monaten fiel der Satellit vorzeitig aus. Zwar konnte man ihn Anfang Januar 1963 noch einmal kurzzeitig in Dienst nehmen. Doch einen Monat später versagten seine Funktionen.

Der offiziellen amerikanischen Registrierung von All-Objekten zufolge ist Telstar zwar heute zwar immer noch im Orbit, allerdings mit erloschenen Augen und tauben Ohren. Er macht seit fast fünfzig Jahren keinen Muckser mehr. Man spricht von einem Stück "Zombie Space Junk".

Telstar 1 ist ein erloschener Technologie-Stern, aber er stand für eine Sternstunde der Menschheit. Da hatte Kennedy einfach recht. Denn mit der Echtzeit der Bilder erfahren die Menschen die Echtheit der Welt. Die Globalisierung der live übertragenen Ereignisse dokumentiert eine sonst nur schwer einzusehende Wahrheit, die man jedoch seitdem nicht mehr ignorieren kann: Es gibt nur einen Globus, und wo auch immer etwas geschieht, nun geht es uns alle an.

© SZ vom 09.07.2012/ihe
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB