Süddeutsche Zeitung

50 Jahre Satellitenübertragung:Wie die Echtzeit-Welt entstand

Vor 50 Jahren startete der erste Telekommunikations-Satellit ins All. Ein Wunder, plötzlich konnte man die Welt von allen Seiten einsehen, sprach Kennedy direkt bis ins deutsche Wohnzimmer.

Bernd Graff

Eine kleinere Rhetorik-Münze gab es dafür damals nicht: "Diese Errungenschaft ist ein herausragendes Beispiel auf einem der bedeutendsten Gebiete des menschlichen Strebens. Obwohl sie nur ein Vorspiel ist, öffnet sie die Vision einer Ära der internationalen Kommunikation. Es gibt kein bedeutenderes Gebiet als das der menschlichen Kommunikation, und wir müssen die nun verwirklichten Vorteile nutzen und dieses Medium fortan weise und effizient einsetzen, um eine größere Verständigung der Menschen weltweit zu erreichen."

Nein, die Rede ist ausnahmsweise mal nicht vom Internet. John F. Kennedy, der 35. Präsident der Vereinigten Staaten, hatte nicht nur die Vision von Menschen auf dem Mond, sondern er sprach am 11. Juli 1962 von einem Satelliten. Das war - vor 50 Jahren - wirklich ein Ereignis: Der Telstar 1, der einen Tag zuvor von Cape Canaveral auf der Spitze einer Thor-Delta-Rakete ins All geschickt wurde, war der erste zivile Telekommunikations-Satellit, der neben Telefon-, Fax,- und Daten-Transfers auch die Live-Berichterstattung fürs Fernsehen zwischen den Kontinenten Europa und Amerika ermöglichte.

Das war ein kleines Wunder damals und erklärt Kennedys Technologie-Hymne. Zwar kannte die Welt schon Live-Bilder, die Krönung der englischen Königin Elisabeth II. am 2. Juni 1953 etwa war so in die Welt gesendet worden. Doch Live-Schaltungen zwischen Kontinenten gab es zuvor nicht - die Signale für die transkontinentale Fernsehberichterstattung liefen bis dahin über Überseekabel, mehrfach verstärkt und natürlich zeitversetzt.

Entsprechend aus dem Häuschen

Nun aber blickte man wie über einen im Weltraum montierten Spiegel direkt auf den anderen Teil der Erde und schien jenen Satz belegt zu sehen, der auf den Rückspiegeln amerikanischer Fahrzeuge zu lesen ist: "Die Objekte in diesem Spiegel sind näher, als sie zu sein scheinen."

Die Menschen waren entsprechend aus dem Häuschen. Denn, wie Kennedy schon sagte, man fühlte, dass mit diesem "Vorspiel" die Zukunft bereits begonnen hatte. Die Berichterstattung über das Wunderding der Technik umfasste denn auch Illustrationen, die jedes Perry Rhodan-Heft als Titelbild hätten schmücken können: Man sah den kugelförmigen Satelliten wie eine kleine geschwätzige Geschwistererde neben unserem Planeten schweben, Linien verdeutlichten die Mikrowellen-Radio-Strahlen, die von einem Kontinent auf ihn zuliefen und in Richtung des anderen wieder abstrahlten.

Man zeichnete ihn auch als Stern, der hoch über der Ionosphäre den Sonnenpartikeln trotzte. Er hatte Ohren und Augen, mit denen er New York, Paris und Lissabon gleichzeitig fixierte. Man verstand das alles nicht damals, konnte es auch nicht verstehen, wohl auch nicht, dass er seine Energie von 3600 Solar-Panels bezog, die auf seiner Außenhaut angebracht waren.

Telstar 1 war eine 60 Millionen Dollar teure, damals unbegreifliche, aber verwirklichte Raumstation der Kommunikation, die schwerelos auf einer elliptischen Bahn um unseren Planeten kreiste. Von jetzt an konnte jeder seine Stimme über das All schicken, jetzt war also der Homo Faber selber im Weltall, und sein Auge erblickte die Welt.

Seit fast fünfzig Jahren kein Muckser mehr

Zuerst aber gab es eine kleine Sendepanne: Zwar wollte man am 23. Juli 1962 eine Pressekonferenz Kennedys als erstes Ereignis live übertragen. Doch statt des Präsidenten, yes, it's live, sah man einen Ausschnitt aus dem Baseballspiel der Philadelphia Phillies und der Chicago Cubs. Erst nach ein paar Sekunden schaltete man um auf Kennedy in Washington. Ganz so einfach lief das alles noch nicht. Telstar 1, dessen (wegen der Solar-Panels) gefleckt anmutende Erscheinung tatsächlich dem "Adidas Telstar" als Vorbild diente, jenem Fußball aus zwölf schwarzen Pentagonen und 20 weißen Hexagonen, der 1970 als offizieller Spielball der Weltmeisterschaft in Mexiko diente, flog rund um die Erde.

Er eierte elliptisch. Anders als Satelliten, die eine geosynchrone Umlaufbahn um unseren Planeten haben, deren Umlaufzeit um die Erde also deren Rotationsdauer entspricht, ging das 77,2 Kilogramm schwere Kügelchen mit einem Durchmesser von 88 Zentimetern gewissermaßen seiner eigenen Wege, und zwar mit Entfernungen von der Erde, die zwischen 952 und 5933 Kilometern maximal schwankten.

Darum konnten erste Live-Übertragungen nicht länger als 20 Minuten dauern, danach riss die Verbindung ab. Erst zweieinhalb Stunden später war das Kerlchen dann wieder ansprechbar. So lange dauerte seine Erdumrundung. Aber, so lautete das Vorhaben damals, man würde weitere von der Weltraumbehörde Nasa und dem Telekommunikationskonzern AT&T entwickelte Blechkugeln ins All jagen, und die könnten sich den Dauerübertragungsdienst da oben unter sich aufteilen.

Mit erloschenen Augen und tauben Ohren

Daraus wurde nichts. Zum einen entdeckte man sehr bald, dass kontinuierliche Übertragungen wohl besser von geostationär positionierten Satelliten erfolgen müssten. Zum anderen hatten die Amerikaner ihren Kommunikationsball unwillentlich und unwissentlich mit dem Start selber beschädigt. Am 9. Juli 1963 hatten sie einen Starfish Prime genannten Kernwaffentest in einer Höhe von 400 Kilometern über der Erde durchgeführt. Und genau durch diese Wolke aus radioaktiv verseuchten Partikeln hatte man einen Tag später die Thor-Delta-Rakete mit ihrem Telstar 1 geschickt. Das haben seine Transistoren nicht verkraftet. Schon nach vier Monaten fiel der Satellit vorzeitig aus. Zwar konnte man ihn Anfang Januar 1963 noch einmal kurzzeitig in Dienst nehmen. Doch einen Monat später versagten seine Funktionen.

Der offiziellen amerikanischen Registrierung von All-Objekten zufolge ist Telstar zwar heute zwar immer noch im Orbit, allerdings mit erloschenen Augen und tauben Ohren. Er macht seit fast fünfzig Jahren keinen Muckser mehr. Man spricht von einem Stück "Zombie Space Junk".

Telstar 1 ist ein erloschener Technologie-Stern, aber er stand für eine Sternstunde der Menschheit. Da hatte Kennedy einfach recht. Denn mit der Echtzeit der Bilder erfahren die Menschen die Echtheit der Welt. Die Globalisierung der live übertragenen Ereignisse dokumentiert eine sonst nur schwer einzusehende Wahrheit, die man jedoch seitdem nicht mehr ignorieren kann: Es gibt nur einen Globus, und wo auch immer etwas geschieht, nun geht es uns alle an.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1406537
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 09.07.2012/ihe
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.