Wein aus dem Piemont Der Armani unter den Winzern

Angelo Gaja aus Barbaresco in Piemont betreibt die Kellerei des Jahres 2008.

Von Patricia Bröhm

Barbaresco ist eines jener Dörfer, in denen die Zeit stehengeblieben scheint. Hier, in den grünen Hügeln der Langhe, südöstlich von Turin, kommen auf 600 Einwohner eine Kirche, ein Lebensmittelladen, vier Restaurants und sehr viel Wein. Von jeher dreht sich alles um den Nebbiolo, die große rote Rebsorte des Piemont, die sich auf den Weinkarten der Welt als Barolo und Barbaresco wiederfindet. Der König des Barbaresco, das ist Angelo Gaja, der hinter einem schweren Eisentor an der Via Torino residiert.

Vorzeige-Winzer Gaja hat sein Dorf berühmt gemacht.

(Foto: Foto: iStockphotos)

Der piemontesische Vorzeige-Winzer hat nicht nur sein Dorf weltberühmt gemacht, sondern auch seine Nachbarn das eine oder andere Mal ordentlich vor den Kopf gestoßen. Zum Beispiel, als er beschloss, im Herzen des Nebbiolo-Landes die Bordeaux-Rebe Cabernet Sauvignon anzupflanzen.

Die Leute im Dorf waren empört, welch ein Verrat an der Tradition! Besonders sein Vater, von dem er die Leitung des Familiengutes übernommen hatte, war vehement dagegen. Angelo Gaja aber ließ drei unterschiedliche Bodenproben testen und pflanzte die Reben dann in die Lage, die sich als am besten geeignet erwies - zufällig lag sie direkt beim Haus des Vaters.

Mit seinem "Darmagi" bewies Gaja der Welt, dass Weine aus dem Piemont den großen Bordeaux und Kaliforniern ebenbürtig waren. Nur seinen Vater konnte er nie überzeugen - er verschmähte zeitlebens den Wein.

Die teuersten Gewächsen der Welt

Geschichten wie diese sind bezeichnend für Angelo Gaja. Ohne ihn wären die berühmten Rotweine des Piemont nicht dort, wo sie heute stehen: Sie zählen zu den größten und teuersten Gewächsen der Welt. Die Herausgeber des einflußreichsten italienischen Weinführers "Vini d' Italia" küren das Weingut Angelo Gaja gerade zur Kellerei des Jahres 2008.

Eine Ehrung, inspiriert durch die großartigen Weine des Jahrgangs 2004, denn, so Herausgeber Daniele Cernilli: "Gaja ist wie Armani. In einem guten Jahr ist seine Kollektion nicht gut, sondern herausragend." In Italien wurde die Ehrung an "Angelo Nazionale" als wenig überraschend kritisiert. Doch Cernilli sieht das anders. "Wir vergeben keine Weinoscars, wir machen einen Weinführer, und Angelos Weine haben in den Verkostungen großartig abgeschnitten."

Der knapp 1000 Seiten starke Führer, eine Art Bibel für die Freunde italienischen Weins, wird Jahr für Jahr neu aufgelegt. Am Mittwoch wurde die neue Ausgabe in München vorgestellt. Rund 200 Winzer aus ganz Italien waren angereist, knapp 3000 Flaschen wurden entkorkt. Bei der vom Hallwag Verlag organisierten größten italienischen Qualitätsweinprobe Deutschlands stellten sie in München ihre besten Gewächse vor.

"Tre Bicchieri", drei Gläser, die Höchstwertung des Weinführers, erhielten in diesem Jahr 305 Weine. Mit dieser Auszeichnung verhält es sich ähnlich wie mit den Michelin-Sternen - sie wirkt sich segensreich auf den Umsatz aus. Deswegen ist es auch schon Tradition, dass die Wertungen hitzig diskutiert werden.

Der Trend geht zu ökologisch und biodynamisch

Erfreut konstatiert Herausgeber Cernilli in der italienischen Weinwelt eine Rückbesinnung auf Tradition und einheimische Rebsorten. Auch der ökologische und biodynamische Weinbau setzt sich weiter durch - eine Entwicklung, die der Führer mit einem Sonderpreis für nachhaltigen Weinbau würdigt, der in diesem Jahr an das Weingut Tenuta di Valgiano aus dem toskanischen Lucca geht.

Auch der Senkrechtstarter des Jahres, die Kellerei Ca' Orologio aus Venetien, arbeitet nach biologischen Anbaumethoden. Önologe des Jahres ist Mattia Vezzola vom Weingut Bellavista in der Francia Corta, Winzer des Jahres sind die Brüder Davide und Stefano Dezi aus den Marken. Der Weißwein des Jahres kommt, wie schon seit Jahren, aus dem Friaul: der Collio Tocai Friulano 2006 von Dario Raccaro.

Großes Potential sieht Daniele Cernilli auch im Süden. Sizilien ist für ihn nach wie vor "eine der dynamischsten, vitalsten und brillantesten Weinregionen Italiens". Gleich zwei Siegerweine stammen von der Insel, die Cernilli als "die neue Welt Italiens" bezeichnet: Rotwein des Jahres ist der Faro 2005 von Palari, ein Wein, der aus der einheimischen Rebsorte Nerello mascalese gekeltert wird.

Aromatisch, würzig und elegant präsentiert er sich fast wie ein mediterraner Burgunder. Dessertwein des Jahres ist der Moscato Passito di Pantelleria Ben Rye 2006 vom Weingut Donnafugata, ein hochkonzentriertes Elixier von Früchten und mediterranen Aromen. "Einmal in den Fängen dieses Weins", so Daniele Cernilli, "gibt es kein Entrinnen mehr".