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USA: Kulturkrieg um die Wäscheleine:Mit kaltem Wasser gewaschen

Die Stoßtrupps der ökologischen Wende könnten aus den Suburbs kommen: Wie aus dem Für und Wider von Wäscheleinen im Garten ein amerikanischer Kulturkampf wurde.

Weiße Riesen gibt es nicht in Amerika. Zumindest nicht solche, die strahlend weiße Wäschewaschkraft an kilometerlangen Wäscheleinen über weite Hügel flattern lassen. Nicht, dass dort kein Platz wäre oder kein Wind. Wäscheleinen sind in Teilen des modernen Amerika vielmehr ein ästhetisches Problem. Sie gelten als hässlich. Sie erinnern an Armut, die man heutzutage ausschließlich im südlichen Europa pittoresk findet und dort folglich sehr gern fotografiert. Wäscheleinen symbolisieren das Gegenteil des amerikanischen Traums vom Aufstieg. Mit Wäscheleinen werden höchstens Einwanderer assoziiert, aber die von heute, die man eigentlich so gern gar nicht haben möchte.

Wäscheleine; Foto: Istockphotos

Wäsche auf der Leine: Sieht so friedlich aus - und ist doch Auslöser eines kleinen Kulturkriegs in den USA.

(Foto: Foto: Istockphotos)

Deshalb sind Wäscheleinen vielerorts verboten. Nicht von Staats wegen, sondern von Gemeinden und Kommunen. Wer ein Haus in einer "Gated Community" kaufen möchte, muss häufig eine Gemeindeordnung unterschreiben, die das Aufhängen der Wäsche überall da untersagt, wo sie ein Nachbar erblicken könnte. Denn sie könnte, Gott bewahre, weitere potentiell am Kauf eines Grundstücks interessierte Besucher in die Flucht treiben.

Wäscheleinen sind also auch ein wirtschaftliches Problem. Sie könnten die Grundstückspreise negativ beeinflussen. Und das geht ja nun gar nicht im Land der heiligen Homeowners Associations. Landesweit leben rund 60 Millionen Menschen in 300.000 Gemeinden, die von solchen privaten Eigentümergemeinschaften geführt werden. Und die meisten von ihnen verbieten das Aufhängen der Wäsche im Garten.

Denn zum Wäschetrocknen wurde schließlich der Wäschetrockner erfunden. Den hat jeder daheim. Sehr praktisch. Der Trockner hat nur einen gewaltigen Nachteil: Er verbraucht eine ziemlich große Menge Energie. Fast sechs Prozent des Energieverbrauchs eines durchschnittlichen amerikanischen Haushalts gehen auf Kosten von Wäschetrocknern; bis zu einer Tonne CO2 produziert jeder im Jahr. Und genau diese jämmerliche Öko-Bilanz hat nun in den letzten Jahren einen kleinen Kulturkrieg in Amerika ausgelöst. Kämpfer gegen den Klimawandel haben sich mit Nachbarn, mit Eigentümergemeinschaften und mit ganzen Gemeinden angelegt.

Hängen oder nicht hängen

Die Geschichten verlaufen immer ähnlich, manche hören sich an wie ein Coming-Out - im Wortsinn: Mutige Frauen (angeblich auch ein paar Männer) spannen in einem versteckten Teil des Gartens heimlich eine kleine Leine auf. Heimlich trocknen sie dort ein paar T-Shirts. Erst einmal die Woche. Dann mehrmals. Und dann, eines sonnigen Tages, tragen sie den Wäschekorb mitten in den voll einsehbaren Teil des Gartens. Sie spannen ihre Leine offen unter den misstrauischen Blicken der gesamten Nachbarschaft - und werden zu Widerstandskämpferinnen. Die Nachbarn empören sich, Ordnungsstrafen werden verhängt, gerichtliche Schritte angedroht. Einige geben auf. Andere ziehen weg. Ein paar kämpfen weiter. Oft an Orten, an denen man es nicht erwartet hätte.

Nachdem sie in einem Seminar an der Universität mehr über die Erderwärmung erfahren hatte, beschloss beispielsweise die Studentin Jill Saylor, auch ihre Wäsche daheim an die Leine zu hängen. Vor ihrem Wohnwagen. Im Trailer Park. "Ich dachte, Trailer Parks wären einer der letzten Orte, an denen es noch erlaubt wäre, seine Wäsche aufzuhängen", erzählte sie der New York Times kürzlich. Von wegen. Die Times wiederum hielt das Thema so für so brisant, dass die über das Für und Wider von Wäscheleinen gleich eine kleine Expertenrunde zu Wort kommen ließ.

Dabei scheint es, als ob sich die Wäscheaufhänger durchsetzen würden. Denn stets bemüht, sich dort für die Umwelt einzusetzen, wo es wenig kostet und wenigen wehtut (eine international bewährte Taktik), verbieten immer mehr US-Bundesstaaten nun gerade das Verbot der Associations, Wäsche aufzuhängen. Allein im vergangenen Jahr kamen Colorado, Hawaii, Maine und Vermont dazu.

Inzwischen gibt es eine eigene Interessensvertretung der Wäscheaufhänger die "Project Laundry List", die ihren gesellschaftlichen Auftrag darin sieht, "luftgetrocknete und mit kaltem Wasser gewaschene Wäsche akzeptabel und erstrebenswert zu machen". In Italien besäßen nur drei Prozent aller Haushalte einen Trockner, meint Gründer Alexander Lee, in Amerika seien es dagegen eher 80 Prozent. Stiegen sie aus, könnten sie im Jahr zwischen zehn und zwanzig Prozent ihrer Stromkosten sparen.

Historisch gesehen begründet sich der Wäschetrockner sowieso durch sich selbst, ist sein eigener Zweck und Sinn. Denn gerade seine Einführung in die amerikanischen Nachkriegshaushalte verbannte die Wäscheleine aus den Gärten - wer sie noch hatte, konnte sich offenbar keinen Trockner leisten. Nun kehrt die alte Wäscheleine zurück. Und die sonst so ineffizienten Villen- und Gartenbesitzer aus den amerikanischen Suburbs könnten sich als Stoßtrupp der ökologischen Wende beweisen. Wenigstens das eine Mal.

© SZ vom 12.11.2009/bre
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