Familientrio:Wie viele Umzüge sind für Kinder okay?

Lesezeit: 3 min

Die Mutter hat ein tolles Jobangebot in einer weit entfernten Stadt bekommen. Der Mann will mitkommen, die Kinder, 12 und 14, nicht. Das Familientrio weiß Rat.

Wir sind mit unseren Kindern, 12 und 14, bereits zwei Mal in eine andere Stadt gezogen. Beim ersten Umzug waren sie noch klein, beim zweiten in der Grundschule. Nun hat meine Frau 600 Kilometer entfernt ein tolles Jobangebot, das sie gerne annehmen würde. Ich bin Freiberufler und würde sofort mitkommen, die Kinder wollen aber nicht umziehen. Wie sehr sollen wir sie mitentscheiden lassen?

Markus T., Rosenheim

Margit Auer:

Ich versuche mir gerade vorzustellen, wie es abläuft, wenn Sie die Kinder nicht einbeziehen. Stellen Sie am Freitag Umzugskartons vor die Tür und verkünden: "Ab Samstag wohnen wir Kassel?" Nein, so geht das nicht. Nicht mit Teenagern. Verbringen Sie doch mal ein Wochenende in der Stadt, um die es geht. Bitten Sie die Kinder, möglichst unvoreingenommen zu sein. Spazieren Sie durch die Straßen, schauen Sie sich die Schulen an, stellen Sie sich vor, wie es wäre, dort zu leben. Seien aber auch Sie unvoreingenommen! Wägen Sie die Argumente ehrlich ab. Wenn am Schluss nur der nächste Karriereschritt einer Person übrig bleibt, fände ich das zu wenig. Wenn aber Stichworte wie "Neues kennenlernen" und "Abenteuerlust" fallen, dann können Sie anfangen, die Immobilienanzeigen zu studieren.

Margit Auer
Schwarz weiß

Margit Auer ist die Autorin der Kinderbuch- Bestseller-Reihe "Die Schule der magischen Tiere", die inzwischen mehr als sieben Millionen Mal gedruckt und in 25 Sprachen übersetzt wurde. Sie hat drei Söhne, die fast alle schon erwachsen sind, und lebt mitten in Bayern.

(Foto: Auer)

Herbert Renz-Polster:

Ich bin hier ratlos, kann also keinen Rat geben. Vielleicht ist das eine gute Gelegenheit, um zu klären, was man als Experte für kindliche Entwicklungsfragen überhaupt leisten kann und was nicht. Denn ich bin mir sicher, es gibt auf diese Frage mehrere richtige Antworten. Ja, eine Entscheidung gegen den Wunsch der Kinder kann in Ordnung gehen. Sie kann aber auch der Beginn von tieferen Problemen sein. Das alles hängt von Details und Konstellationen ab, die nur Sie als Familie einschätzen können: Wie stark werten Sie die positive Seite - also dieses berufliche Angebot? Ein Schritt nach oben oder wirklich neue Flügel? Und Ihre jetzige Situation - so lala, ausbaufähig oder Sackgasse? Wie stark sind Sie als Familie aufgestellt um die Krise, die so ein Umzug durchaus bedeuten kann, wieder auszugleichen oder auszuheilen? Wie belastbar sind die Kinder? (Eine ganz wichtige, gemeinsam zu klärende Frage). Wie sieht die Welt aus, in die die Kinder dann hineinwachsen müssen? Kennen Sie und die Kinder sie schon? Haben Sie schon das ganze Für und Wider des Umzugs gemeinsam besprochen? Es gibt bestimmt noch weitere Punkte, die aus Ihrer Sicht vielleicht wichtig für die Bewertung sind. Deshalb sind Sie hier die wirklichen Experten.

Familientrio: Herbert Renz-Polster ist Kinderarzt, Wissenschaftler und Autor von Erziehungsratgebern und des Blogs "Kinder verstehen". Er hat vier erwachsene Kinder und lebt mit Frau und jüngstem Kind in Ravensburg.

Herbert Renz-Polster ist Kinderarzt, Wissenschaftler und Autor von Erziehungsratgebern und des Blogs "Kinder verstehen". Er hat vier erwachsene Kinder und lebt mit Frau und jüngstem Kind in Ravensburg.

(Foto: Random House)

Collien Ulmen-Fernandes:

Lieber Markus, Sie und Ihre Familie wohnen also in Rosenheim, im allerschönsten Alpenvorland, fast schon Italien, umringt von Chiemsee und Tegernsee, und dieses herrliche Leben wollen Sie aus beruflichen Gründen aufgeben? Für Geld und Einfluss? In Deutschland ist es ja nun wirklich nicht überall schön. Oder anders formuliert, am wenigsten hässlich ist es sicher in der Nähe der Alpen, und doch wollen Sie nun von diesem Rosenheim, durch das ja auch so herrlich der Inn fließt, 600 km weit weg ziehen? Wo wollen Sie denn da nur hin? Wenn ich mir das auf der Karte ansehe vermutlich nach Berlin. Aber waren Sie schon mal dort? Es ist kein Vergleich, sage ich Ihnen und ich habe über zehn Jahre da gelebt. Ihre Kinder scheinen es ja ganz ähnlich zu sehen. Nun sind Kinder natürlich selten die besten Ratgeber, und man sollte einen Teufel tun und stets auf sie hören, aber wo sie sich wohlfühlen, das wissen sie meist. Mein Rat also, auch wenn Sie darauf überhaupt nicht hören sollten: Bleiben Sie einfach in Rosenheim, genießen Sie den Blick auf die Berge, und fahren Sie dann und wann mit den Kindern kurz über den Brenner bis nach Italien. Einfach weil Sie es können. Wissen Sie eigentlich, wie weit Italien von Berlin weg ist? Na, Sie werden staunen!

Collien Ulmen-Fernandez

Collien Ulmen-Fernandes ist Schauspielerin und Moderatorin. Die Mutter einer Tochter wohnt in Potsdam und hat den Kinderbuch- Bestseller "Lotti und Otto" und den Elternratgeber "Ich bin dann mal Mama" verfasst.

(Foto: Anatol Kotte)
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