Trauer:Wie die fünf Weltreligionen mit dem Tod umgehen

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Für Gläubige ist der Tod nicht unbedingt das Ende. Buddhisten, Muslime, Juden, Christen und Hindus gehen sehr verschieden mit Tod und Trauer um. Doch alle Religionen zeigen, wie Gemeinschaft Trost spenden kann.

Aus der SZ-Redaktion

Hindus

Für einen Hindu ist der Tod nur eine weitere Stufe, er ist der Übergang in eine neue Existenz. Es gibt im Hinduismus eine Größe, die vom Tod nicht betroffen ist, einen unsterblichen Kern in jedem Lebewesen. Wie man seine alten Kleider ablegt, so legt der Mensch seinen alten Körper ab. Der Sterbende soll möglichst positive Gedanken haben, wenn es so weit ist. Er wird gebadet, eingesalbt, in Tücher gewickelt, möglichst schmucklos, damit die Seele nicht abgelenkt ist. Mit den Füßen zuerst wird er aus der Hintertür des Hauses getragen und vom erstgeborenen Sohn am Einäscherungsplatz entzündet.

Es ist das größte Glück eines Hindus, in der heiligen Stadt Varanasi am heiligen Fluss Ganges verbrannt zu werden, wo das Universum erschaffen wurde und in Flammen stehen wird am Ende der Zeit. Der Tod ist hier die reine Freude, moksha, Erlösung. Keine Träne. Wer hier verglüht, dem flüstert Gott Shiva das Taraka Mantra ins Ohr, das Mantra der Überfahrt. Tod ist an diesem Ort Befreiung, das Ende vom ewigen Kreislauf aus Geburt, Tod und Wiedergeburt. Wer hier brennt, wird keine weltlichen Qualen mehr erleiden.

Wer nicht das Glück hat, am Ganges zu sterben, der folgt dem Pfad des vorhergegangenen Lebens. Nur Hindus der obersten Kaste können dem Kreislauf des Samsara entfliehen, bei den niederen Kasten entscheidet das Karma, die guten oder bösen Handlungen im Leben, in welcher Gestalt man wiedergeboren wird. Niemand weiß, wann er dem Kreislauf entrinnen wird, niemand weiß, in welchen Körper seine Seele ziehen wird. Alles ist Wandel. Nur eines ist sicher: Sterben ist Teil des Lebens. Und es ist ein Geschäft. Keiner soll weinen, wenn am Einäscherungsplatz die Toten brennen, wenn ihre Bauchdecken im Feuer aufplatzen, der Schädel aufgebrochen wird, damit die Seele, atman, den Körper verlassen kann. Daneben preisen Händler Acht-Gewürze-Pulver und Sandelholz an, damit der Geruch des Todes nicht zu aufdringlich wird. Dazu gibt es Tüten voll buttrigem Ghee, damit sie gut brennen: die leeren, seelenlosen Hüllen.

(Karin Steinberger)

Niemand bleibt mit dem Schock alleine

Juden

Es gilt, alles stehen und liegen zu lassen, drum kommt die traurige Nachricht in Israel meist auf eilig kopierten Handzetteln daher: Plötzlich hängen sie an Gartenzäunen, flattern an der Inserate-Tafel vor dem Supermarkt, kleben am Arbeitsplatz des Verstorbenen. Die Familie lädt zur Beerdigung ein, steht da - schon für den nächsten Morgen.

Ähnlich wie im Islam sollen im Judentum nicht mehr als 24 Stunden verstreichen, bis ein Toter bestattet ist. Also hat niemand Zeit, erst auf Traueranzeigen im Schneckenmedium Zeitung zu warten. In Deutschland, wo manche Landesbestattungsgesetze eine Wartezeit von 48 Stunden vorschreiben, holen jüdische Gemeinden deshalb meist Sondergenehmigungen ein.

Die Eile hat einen Vorteil. Alle kommen sofort zusammen, keiner bleibt mit dem Schock alleine. Es beginnen gleich die Bräuche, deren wichtigster Schiwa heißt ("Sieben"). Dabei empfangen die engsten Angehörigen eine Woche lang zu Hause Besuch. Der Glaube ermuntert Freunde, Nachbarn und Bekannte dazu, vorbeizuschauen mit Worten des Trostes, gerne auch mit gekochtem Essen. So wird es sieben Tage lang nicht einsam und nur selten still im Haus; das hilft. Für jene, die nur diese Trauerkultur kennen, wirkt es sogar fast ein wenig kühl, wenn sie sich vorstellen, dass in christlichen Familien erst einmal tagelang nichts passiert, während der Tote im Leichenschauhaus auf Zink liegt und der Pfarrer seinen Terminkalender durchsieht.

Andererseits: Die Eile ist auch ein Problem. Bewegende Reden sind auf jüdischen Beerdigungen selten. Wer schafft es, so schnell einen Text vorzubereiten? Es fügt sich da gut, dass das Judentum den Trauernden zumindest allen sozialen Druck abnimmt, was aufwendige Blumengebinde, Särge oder Musikauswahl angeht. Weniger ist mehr, Bescheidenheit ist gut. Der Tote kriegt ein Leinentuch, allenfalls einen einfachen Holzsarg. Im Tod sind alle gleich. Wer an einem Grab Respekt zeigen möchte, der hebt deshalb nur ein Steinchen vom Boden auf und legt es symbolisch darauf. Demokratisch. Das kommt besser an als Blumen.

(Ronen Steinke)

Auf die rechte Seite gebettet, in Richtung Mekka

Muslime

Warum sollte ein Anhänger des Islam den Tod fürchten - Leben und Tod sind die zwei Seiten ein und derselben Medaille. Das irdische Dasein ist ohnehin nur der Vorhof des Paradieses. Auch wenn es in Ländern wie Ägypten Klageweiber gibt, zeigen Muslime ihre Trauer daher meist verhalten. Allzu lautes Trauern könnte den Eindruck erwecken, dass die Hinterbliebenen Gottes Handeln infrage stellen - der Allmächtige weiß schon, wann er einen zu sich ruft. Wenn die Hinterbliebenen zu viel weinen, so der Volksglaube, wird der Verstorbene nur traurig im Grab.

Wie bei jeder Religion folgen Abschiednehmen und Trauer auch im Islam festen Ritualen. Die Waschung des Toten gleicht der Waschung vor den täglichen Gebeten. Der Leichnam im weißen Laken, zusammengehalten von drei Knoten? Im weißen Tuch pilgert der Muslim nach Mekka und Medina, in einem solchen wird er bestattet: Der Tod ist schon zu Lebzeiten Teil der Existenz. Wenn er kommt, verwischt er auch soziale Unterschiede: Das Grab, in das der Gläubige noch am selben Tag gelegt wird, ist meistens schlicht und schmucklos. Ohne Sarg wird der Körper auf die rechte Seite gebettet, nach Mekka schauend. Der Islam ist im Kern egalitär.

Den Hinterbliebenen bleibt die Anteilnahme. Männer und Frauen trauern getrennt, die Frauen meist im Haus, die Männer öffentlicher, häufig in einem auf der Straße aufgeschlagenen Trauerzelt. Es werden Koransuren gelesen, Kaffee und Tee getrunken, geredet. Anwesenheit zählt, Gemeinschaft, Respekt vor den Trauernden und ihrer Familie. Der dauerhafte Rückzug in die Trauer ist nicht vorgesehen. Weshalb man nach 40 Tagen erneut zusammenkommt, gemeinsam trauert, das Trauern aber nach 120 Tagen fast schon offiziell beendet. Ja, man geht ab und an auf den Friedhof. Aber ein Grabeskult mit Kränzen, Blumen und Friedhofsbesuchen wie im Westen ist den Sunniten eher fremd.

Bei den Schiiten hingegen gehört die Trauer zum Glauben und zum Kalender: Der Trauermonat Muharram ist ein alljährliches Spektakel, das an den Tod der Urväter der Schia erinnert. Das sich in kollektiver Trauer in der Masse Auflösen, oft verbunden mit dem gemeinsamen Geißeln, ist unverzichtbar. Der Trauerkult stärkt die schiitische Identität: Dafür kommen Millionen Schiiten aus aller Welt in Pilgerorten wie dem irakischen Kerbela zusammen.

(Tomas Avenarius)

Wie der Tod an den Rand rückte

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Ein Grabstein mit Statue auf dem Melatenfriedhof in Köln.

(Foto: imago/Westend61)

Christen

Für sie endet mit dem Tod das irdische Leben, nicht aber die Existenz. Die Seele des Menschen ist unsterblich, auch wenn der sterbliche Körper längst zu Staub geworden ist. Die Toten gehören für Christen zum Leben, nicht nur im November an Allerseelen. Von Anfang an feierten die Christen ihre Gottesdienste bei den Gräbern ihrer Toten. Sie bauten ihre Kirchen dort, wo ihre Vorfahren und Märtyrer bestattet waren: Der Petersdom in Rom ist, den neuesten Forschungen zufolge, tatsächlich über jenem Grab entstanden, in dem wahrscheinlich die Gebeine des Petrus liegen.

Die Beerdigungsriten lehnten die ersten Christen an die jüdische Tradition an: Den Toten wurden die Augen geschlossen, sie wurden gewaschen, in Leinentücher gewickelt, gesalbt, aufgebahrt, betrauert und dann ins Grab gelegt; Särge gab es noch nicht. Christen sollten in der Erde begraben werden. Die Feuerbestattung galt als Sünde und als Strafe für Sünder. Denn wie sollte der verbrannte Christ am jüngsten Tag leibhaftig auferstehen? Auch deshalb riet der frühchristliche Schriftsteller Tertullian vom Dienst in der römischen Armee ab. In der Fremde gefallene römische Soldaten wurden häufig verbrannt.

Viel hat sich geändert seitdem. Die Riten der Christen wurden vielfältig - in Lateinamerika sind heute Beerdigungen bunt und laut und erzählen von der Hoffnung aufs Paradies, in Europa und den USA sind sie ernst und streng und berichten vom Endlichen allen menschlichen Lebens. Das Verbot der Feuerbestattung gilt nicht mehr. Vor allem aber ist der Tod vom Zentrum des Christentums an den Rand gerückt.

Martin Luthers Frage, wie man nach dem Tod einen gnädigen Gott findet, also der Hölle entkommt, ist den meisten Christen heute weniger wichtig als die Frage, wie ihnen der Glauben im Leben hilft. Die Toten werden nicht mehr rund um die Kirchen begraben, sondern an den Rändern der Städte. Und man muss schon ein bisschen suchen, um noch jene Orte zu finden, wo Hunderte dem Sarg folgen und nach dem Begräbnis zusammensitzen und Schnaps trinken.

(Matthias Drobinski)

Frische Blumen, gemischt mit Sandelholz

Buddhisten

Sie glauben an die Wiedergeburt. Wer stirbt, wird irgendwo ein neues Leben beginnen. Dennoch, solange nicht das Nirwana erlangt ist, der Zustand höchsten Glücks, bleibt der Tod eine schmerzhafte Erfahrung. Man muss seine Gefühle als Buddhist nicht unterdrücken, man darf weinen und schluchzen, auch wenn viele Trauernde der Toten eher still gedenken.

Wenn Buddhisten trauern, mischt sich der Duft frischer Blumen oft mit einem herben Hauch von Sandelholz. Angehörige nehmen sich Zeit, um sich zu verabschieden und entzünden dabei gerne Räucherkerzen.

Anders als im Islam, wo der Körper schnellstmöglich beerdigt wird, bahrt die Familie einen Verstorbenen im eigenen Haus oder im Tempel auf, bevor sie ihn verbrennt. In der Regel geschieht das nach drei, fünf oder auch erst sieben Tagen, wenn Angehörige von weit her kommen, um den Toten noch einmal zu sehen. Die Asche wird im Fluss oder im Ozean verstreut, sie kann auch in einer Urne verbleiben. Manche Familien bewahren Teile der Gebeine im Tempel auf.

Bestattungen und Trauerzeremonien können von Region zu Region recht unterschiedlich aussehen. In Thailand, einem stark vom Buddhishmus geprägten Land, sind es meist die engsten Angehörigen, die den Körper waschen und mit einem Tuch bedecken, bevor weitere Verwandte kommen, um sich symbolisch am Akt der Reinigung zu beteiligen. Dabei liegt der Tote auf einem Tisch, die Besucher gießen etwas Wasser über die ausgestreckte rechte Hand. Danach wird der Leichnam angekleidet und in einen mit Blumen geschmückten Sarg gelegt, der Deckel verschlossen. Manche geben Münzen dazu, die sie dem Toten in den Mund legen.

In der Regel halten vier Mönche die täglichen Gebetsstunden ab. Verwandte und Freunde versammeln sich dabei um den Sarg, eine Buddha-Figur und ein Bild des Toten sind meist nicht weit. Die Betenden verzeihen dem Toten, falls er ihnen Leid zugefügt haben sollte. Und umgekehrt entschuldigen sich die Lebenden für jeden Schmerz, den sie dem Verstorbenen einst zugefügt haben mögen. Trauern in Thailand heißt auch, sich der Vergänglichkeit des eigenen Körpers zu erinnern.

(Arne Perras)

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