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Tabuthema Sterben:"Sich richtig mit dem Tod zu beschäftigen, ist sehr entspannend"

Angenommen, ein Familienmitglied stirbt: Wie geht man mit dem Verlust um?

Georgy: Die Trauer, die wir empfinden, wenn ein geliebter Mensch stirbt, wurzelt zu einem Teil im Selbstmitleid. Viele können sich nicht vorstellen, dass sie auch ohne die Person glücklich werden können. Man weiß aber doch nicht, was mit dem Toten passiert. Es kann gut sein, dass er wunderbar geborgen ist und nicht leiden muss, dass es ihm richtig gut geht. Dann wäre es ja falsch, zu trauern. Ich vertraue darauf, dass alles richtig so ist, wie es ist. Auch wenn man es in dem Moment vielleicht noch nicht überblicken kann.

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Hohensee: Der Tod eines geliebten Menschen bringt einen Verlust mit sich. Verluste sind für jeden von Anfang an ein Thema. Kinder tun sich etwa sehr schwer damit - wenn ihr Eis in den Sand fällt, bricht die Welt für sie zusammen. Das ist für ein kindliches Bewusstsein auch völlig okay. Kinder kommen aber auch sehr schnell darüber hinweg. Es wäre wünschenswert, dass Erwachsene mit Verlusten so umgehen, dass sie sich andere Glücksmöglichkeiten nicht abschneiden.

Finden Sie die Angst vor dem Tod denn ganz und gar unnütz?

Georgy: Wenn es zu einfach wäre, würden die Menschen sich womöglich umbringen, sobald die Dinge schlecht laufen. Die Angst vor dem Tod schützt uns also auch.

Hohensee: Angst ist aber kein guter Berater, deshalb gefallen mir Ratschläge wie "Carpe diem" nicht - Lebe Dein Leben, als wäre es dein letzter Tag. Da kommt man schon allein bei dem Gedanken in Stress: Mir bleiben vielleicht nur noch ein paar Jahre. Man sollte die Zeit nicht nur nutzen, weil sie bald vorbei sein könnte.

Was stellen Sie persönlich sich vor, wie es nach dem Tod weitergeht?

Georgy: Mir gefällt die Haltung, dass ich aus dem Nichts komme und ins Nichts gehe. Ich habe zwar keine konkreten Vorstellungen, bin aber gespannt, was dann passiert. Mir reicht das Vertrauen: Es wird schon gut sein.

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Hohensee: Ich kann mir eine Menge vorstellen. Dass man möglicherweise durch Wiedergeburten genau da weitermacht, wo man aufgehört hat. Und dass der Tod keine Probleme löst. Man hat eine Lernerfahrung gemacht und geht mit neuen Vorsätzen in sein neues Leben. Ich kann mir aber auch das Nichts als etwas sehr Angenehmes vorstellen. Ich habe mich mit Berichten über Nahtoderfahrungen beschäftigt, da gibt es viele Dinge, die ich vorher nicht gesehen habe.

Zum Beispiel?

Hohensee: Nehmen wir die fünf Sinne: Wir wissen, dass wir nur einen begrenzten Ausschnitt unserer Wirklichkeit wahrnehmen können. Wir sehen kein Infrarot, wir hören - im Gegegsatz zu manchen Tieren - bestimmte Frequenzen nicht und sind auch nicht in der Lage, wie sie über Duftmarken zu kommunizieren. Dennoch existieren diese Informationen. Wenn unsere fünf Sinnen nicht einmal die Lebensrealität erfassen, was entgeht uns dann noch alles? Wenn man das Thema erst mal an sich heranlässt, öffnen sich neue Dimensionen.

Leben Sie inzwischen anders als früher?

Hohensee: Ich sehe vieles mit anderen Augen. Auch für mich war der Tod ein Tabu. Ich bin jetzt 62 und habe festgestellt, dass man öfter an den Tod denkt, je älter man wird. Ich habe aber gar keine Lust dazu, dass mich das Thema im Alltag mehr begleitet als mit 20 oder dass ich jetzt anfange, mit allem abzuschließen. Es ist mir gelungen, das zu stoppen. Ich habe nicht mehr das Gefühl, dass mir die Zeit wegläuft. Ich denke nicht mehr an einen Endpunkt.

Ich kann nur jedem dazu raten, sich freiwillig mit der eigenen Endlichkeit zu beschäftigen. Es gibt sehr viele schöne Sachen zu entdecken. Das Leben wird freier und angenehmer, wenn im Hintergrund nicht immer der Gedanke lauert: Was ist, wenn das jetzt tödlich ausgeht? Wann immer mein Körper nicht so funktioniert, wie er sollte, denke ich: Das ist bestimmt nicht schlimm. Und sollte es doch tödlich sein, haut es mich nicht mehr um. Das ist wirklich sehr entspannend.

Nach einem erfüllten Leben: Wie möchten Sie sterben?

Hohensee: Ich möchte gesund sterben. Alter wird ja oft begriffen als Siechtum. Man sollte den Geist wie den Körper gebrauchen und sich nicht so viele Gedanken darüber machen, wann man stirbt. Lieber sehen, dass man gesund bleibt. Ich bewege mich, weil es mir Spaß macht, und nicht, um länger zu leben. Ich schlafe, wenn ich müde bin, und nicht, weil es gesund ist. Man sollte die Lust in den Vordergrund stellen. Häufig wird übersehen, dass Glücklichsein ein wichtiger Faktor beim gesunden Altern ist.

Georgy: Ich möchte gerne mit ungefähr 100 Jahren nach dem Genuss eines großen Stückes Schwarzwälder Kirschtorte sagen: Das war jetzt vielleicht ein bisschen viel. Ich lege mich mal für einen Moment hin.

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