Stress in der Seelsorge Von Dorf zu Dorf

Gert Sommerfeld muss sich als evangelischer Pfarrer gleich um fünf Gemeinden kümmern. Die Stärke der mittelfränkischen Gegend ist zugleich seine größte Herausforderung.

Von Harald Hordych

Der Herr Pfarrer hat einen Gast, und beide haben Hunger, und der Herr Pfarrer hat ein Auto. Was steht also einem Mittagessen in einer der Gastwirtschaften seiner fünf Gemeinden noch im Weg? Lediglich die selbst einem kirchlichen Würdenträger ein wenig geheimnisvoll anmutenden Öffnungszeiten der Wirtschaften seines Sprengels. Alle haben heute zu.

Der Pfarrer. 58 Jahre alt ist er. Und er heißt, wie man ja wohl schöner als Pastor nicht heißen kann: Gert Sommerfeld. Für fünf Gemeinden ist er zuständig. Sie liegen praktischerweise wie in einem ganz persönlich für ihn zusammengestellten Kreis von Dörfern, so als ob mal jemand den Plan gehabt hat, irgendwann die große Gert-Sommerfeld-Gemeinde in die hügelige Landschaft zu malen. Aber so ist es ja nicht: fünf eigenständige Gemeinden, fünf Kirchen, fünf Gemeinderäte - und ein Pfarrer, der für das alles gleichzeitig zuständig ist. Das klingt nach allerhand, am allerwenigsten aber klingt es beschaulich.

Natürlich stecken hinter alledem handfeste praktische Gründe und kein Sommerfeld-Programm: Strukturprobleme der Gegend irgendwo zwischen Weißenburg und Würzburg, die von der protestantischen Landeskirche geprägt ist: Also Gliederschwund aufgrund von Kirchenaustritten und Abwanderung haben dazu geführt, dass der Schlüssel einer ausreichenden Zahl von Gläubigen und Pfarrer im Jahr 2000 neu justiert werden musste. Aber eine schöne Vorstellung ist es trotzdem, wenn man so mit Gert Sommerfeld im Kreis herumfährt und eine Wirtschaft sucht. Im properen Mittelfränkischen hat noch jedes Dorf eine eigene, nach wie vor geweihte Kirche und mindestens eine ebenso frequentierte und deshalb geöffnete Wirtschaft. "Weiß der Himmel, wo der wieder steckt", murmelt Sommerfeld, als er zum Auto von der Wirtschaft zurückstapft, auf die er seine größte Hoffnung gesetzt hat. Sommerfeld sieht aus wie eine Figur aus dem Krippenspiel mit einem grauen Rauschebart und der passenden Körperfülle. Man kennt sich in dieser Gegend und man macht sich so seine mitmenschlichen Gedanken, wenn es kleine Unregelmäßigkeiten im täglichen Ablauf gibt.

Nun gibt es nur noch eine Chance, ausgerechnet in der Nachbargemeinde Pfofeld. Aber die liegt auch nur höchstens zwei Kilometer außerhalb des Sommerfeld-Kreises: Dornhausen, Wachstein, Gundelsheim, Wachenhofen und Theilenhofen, wo das Pfarrhaus gleich neben der Kirche steht. Eine dünn und gleichzeitig dicht besiedelte Gegend ist das Mittelfränkische, denkt sich der Neuling. Eigentümliche Gegend. Sommerfeld hat so was Ähnliches auch mal gedacht, als er sein Abitur mit Kumpels mit einem Ausflug in die Provinz feierte und sie wegen natürlicher Bedürfnisse in der Nähe von Theilenhofen eine Zwangspause einlegten. Und während Sommerfeld sich so umschaute, dachte er: In diese gottverlassene Gegend kriegen mich keine zehn Pferde. So was erzählt Sommerfeld während der Suche. Er erzählt es still beglückt, denn er weiß ja mittlerweile, dass sie eben nicht gottverlassen ist. Auch dank ihm.

Die Wirtschaft in Pfofeld heißt Kleemann und hat zu. Eine Metzgerei gehört dazu. Und die hat auf. Sommerfeld fragt die Dame hinter der Wursttheke, ob sie für ihn und einen Gast schnell zwei Schnitzel in die Pfanne hauen könnte. Ein Nicken, ein Winken, und die beiden werden durch die Metzgerei in den Gastraum gelotst. Dort sitzt die ganze Familie samt schulpflichtigen Kindern an einem wirklich sehr großen Tisch. Raumfüllend könnte man ihn nennen, wenn der Raum nicht so groß wäre. Jeder isst irgendwas, jeder was anderes, und wer nicht isst, der raucht, während die anderen essen. Die Kinder essen nicht, die machen Hausaufgaben. Ah, der Herr Pfarrer. Vielleicht ein Viertel Silvaner dazu? Wenn es nur ein kleines Viertel ist!

Gert Sommerfeld sitzt jetzt auf der Bank und erzählt von seiner täglichen Bestellung des göttlichen Feldes. Den Menschen in dieser Gegend sei der Glauben immer noch wichtig, 10 bis 15 Prozent der Gemeindeglieder gehen sonntags in die Kirche. "Das ist in Ordnung", sagt Sommerfeld. Die Mutter vom Wirt tritt zum Tisch und sagt: Grüß Gott, Herr Pfarrer. Vier Generationen arbeiten in der Wirtschaft, und geschlachtet wird auch noch selbst. Sommerfeld liebt solche Geschichten. Wie er denn so ist der Pfarrer, fragt man, und Erna Kleemann antwortet: "Die Predigten sind gut. Er nuschelt nicht. Es ist nicht langweilig, man kann gut zuhören, und er weiß, wovon er spricht." Sommerfeld senkt sein Gesicht ins Glas, am Ende sieht man noch, dass er sich gerade freut.

Es ist der Teil, bei dem man versteht, warum es ein junger Mann geschafft hat, in dieser Gegend Wurzeln zu schlagen, obwohl er in der mit seinen vielen Gasthäusern und Studenten gemütlichen, aber auch quirligen Großstadt Würzburg aufgewachsen ist. "Ich fühle mich hier menschlich aufgehoben. Man nimmt Anteil aneinander, und das Gemeindeleben ist intensiv." Aus fünf Gemeinden kommen gleich vier Posaunenchöre. Vier? Könnte man da nicht vielleicht den ein oder anderen zusammenlegen? Ausgeschlossen! Synergieeffekte wie bei Unternehmen sind nicht vorgesehen. Das Eigenständige und die Unterschiede auf kleinstem Raum machen die Gegend aus.

1987 kam Sommerfeld hierher. Zunächst war er für zwei Gemeinden zuständig. Was ihn bewog zu bleiben, war die Art, wie er aufgenommen wurde: offen und voller Neugier. Er fühlte sich als Mensch gewürdigt. "Wie sich Großstadt anfühlt, wusste ich ja." Jetzt weiß er auch, wie Kleinstadt geht. Und was es bedeutet, wenn Gemeinden so klein werden, dass sie keinen eigenen Pfarrer mehr rechtfertigen. Es bedeutet zu verstehen, dass einfache Lösungen nicht funktionieren, als 2000 die Landesstellenplanung anstand. Ein Jahr lang dauerte die Vorbereitung der Zusammenlegung. Sogar ein externer Berater wurde herangezogen, um herauszufinden, wie bei fünf Gemeinden mit nur einem Pfarrer jede möglichst eigenständig bleibt.

"Es geht um die unterschiedlichen Identitäten. Da muss man drauf eingehen, und die müssen auch unbedingt gewahrt bleiben. Diese feinen Unterschiede merkt man erst mit der Zeit."

Warum denn bloß? Das liegt doch alles so nahe beieinander! "Es geht um die unterschiedlichen Identitäten", erklärt Sommerfeld ohne Anflug von Ironie. "Da muss man drauf eingehen, und die müssen auch unbedingt gewahrt bleiben." Sein Büro ist Glaubenszentrale, Buchdruckwerkstatt, Akustikgitarren-Museum und Lagerstätte für alle Unterlagen für die nächsten zehn Jahre Konfirmandenfreizeit - dort hat er das auch schon gesagt, genauso ernst. Worin liegt denn nun der Unterschied zwischen Theilenhofen und Wachstein, das einen Kilometer entfernt ist? "Da gibt es feine Unterschiede", sagt Sommerfeld. "Die merkt man erst mit der Zeit."

Bis 1969 hatte jedes dieser Dörfer noch einen eigenen Bürgermeister. "Und die hat man ihnen schon genommen." Ob das der Theologie-Student auch so verständnisvoll gesagt hätte? Der Pfarrer, dessen Kinder sich weigerten, hier wieder wegzuziehen, sagt es jedenfalls: "Wir sind Wachsteiner. Wir sind Theilenhofener. So denken sie hier." Er ballt die Faust, so wichtig ist es den Leuten. Deshalb hat jede Gemeinde und damit jedes Dorf sein eigenes Konfirmationsfest. Ein jedes Kind soll in der Gemeinde aufgenommen werden, in der es großgeworden ist. Darum hat jede Gemeinde einen eigenen Weihnachtsgottesdienst. Darum hat jede Gemeinde einen Gemeinderat. Und deswegen stehen ihm Pfarrer im Ruhestand und Lektoren zur Seite, die sich die Gottesdienste etwa an Weihnachten mit ihm teilen.

Kompromisse mussten die Gemeinden bei den Sonntagsgottesdiensten eingehen: Die beiden großen und die drei kleineren Gemeinden wechseln sich jeweils ab. Sommerfeld hält jeden Sonntag zwei Gottesdienste. Sein Gottesdienstplan für die insgesamt etwas mehr als 1000 Gemeindemitglieder ist beeindruckend kompliziert. Es ist ohne Zweifel viel zu tun. Und stellvertretender Dekan ist er auch noch. Aber während er so über die Dörfer fährt, erzählt er, dass seine Lebensgefährtin in Thüringen lebt. Und dass er so manches Wochenende unterwegs ist. Und die Menschen, deren Seelsorger er ist, dann sagen: "Das muss sein, Herr Pfarrer! Man muss auch mal rauskommen und durchatmen."