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Sozialer Brennpunkt Kiel-Gaarden:Ein Viertel erodiert

In Gaarden versammeln sich viele Menschen mit ähnlichen Problemen: keine Arbeit, viel Alkohol oder andere Drogen, das Gefühl, nicht mehr dazuzugehören - für nichts verantwortlich zu sein. Die Kieler Stadtverwaltung hat ein Wirtschaftsbüro eingerichtet, mit dessen Hilfe sich Arbeitslose selbständig machen sollen, damit sie den Staat kein Geld mehr kosten und die Kaufkraft im Viertel steigern. Jasmin Tarhouni sitzt in einem hellen Raum nahe dem Vinetaplatz und verbreitet Zuversicht. Seit einem Jahr arbeitet sie hier und bietet Mikrokredite an, kleine Darlehen bis 5000 Euro.

Bisher haben sich dafür sechs Gaardener interessiert. 34 weniger als erwartet. Ein Grund für das geringe Interesse könnte sein, dass die Konditionen zu schlecht sind: 8,9 Prozent Zinsen verlangen Tarhouni und ihre Kollegen vom Wirtschaftsbüro, zusätzlich eine Bürgschaft von fünfzig Prozent der geliehenen Summe. Wenn man sich auf den Straßen des Viertels umhört, hält sich die Begeisterung für diese Art der Wirtschaftsförderung sehr in Grenzen, "der schnellste Weg in die Schuldenfalle" sind noch die freundlicheren Einschätzungen.

"Einen Spielzeugladen könnte man in Gaarden eröffnen", sagt Julian, "das wäre gut." Aber es gibt keinen. Auch keinen Buch- oder Musikladen. Ein Viertel erodiert.

Gaarden

Getränkeladen, Pärchen mit Kinderwagen: Wer investiert hier noch?

(Foto: Jan Kuchenbecker)

Gaarden mit seinen vielen Gründerzeithäusern könnte ein Schmuckstück sein. Doch seit die Stadt Ende der 90er Jahre ihre Wohnungen an Investoren verscherbelt hat, verfallen immer mehr. Wohnungen in unteren Etagen stehen leer, kaputte Fensterscheiben werden mit Pappkartons überdeckt, Sperrmüll stapelt sich an Straßenecken, wilde Müllkippen breiten sich aus.

Für Immobilieninvestoren ist Gaarden kein schlechtes Geschäft. Die Mieten sind so niedrig wie nirgendwo sonst in Kiel, hier werden bevorzugt arbeitslose Hartz-IV-Empfänger einquartiert - die Miete zahlt der Staat, Hausbesitzer müssen für Instandsetzungen nicht viel ausgeben.

Wer kann, geht schnell wieder weg, und die anderen müssen auf offizielle Weisung oft die Wohnung wechseln, falls sich die Familienverhältnisse ändern. Julians Eltern leben getrennt, er hat zwei Brüder und zwei Stiefbrüder, und er ist Onkel, seit seine 18-jährige Schwester vor einem halben Jahr ihr erstes Kind bekommen hat und zu Hause ausgezogen ist.

Die Wohnung ist nun zu groß für die Familie, hat das Jobcenter beschlossen. Also zieht Julian demnächst wieder um, zum sechsten Mal in seinem Leben.

Aber immer in Gaarden.

Zum Autor
Tiemo Rink
Tiemo Rink

Tiemo Rink, 30, hat Politikwissenschaft, Soziologie und Neuere deutsche Literatur in Marburg, Wien und Teramo in Italien studiert. Der Diplom-Politologe arbeitet als freier Autor unter anderem für stern.de, die taz und die Frankfurter Rundschau. Derzeit ist er an der Zeitenspiegel-Reportageschule.

Die Begründung der Jury für den ersten Platz beim jj-Reportagepreis 2012: Die Reportage zeichnet sich in erster Linie durch ihre sprachliche Qualität aus. Der Autor versteht es, die Atmosphäre im Kieler Arbeiterstadtteil Gaarden so zu beschreiben, dass sich der Leser mitgenommen fühlt und sich genau vorstellen kann, wie es dort aussieht. Durch vielfältige Beobachtungen kommt man Kiel-Gaarden und vor allem dem Hauptprotagonisten Julian nahe. Die Jury findet den Ansatz bemerkenswert, die Geschichte aus der Sicht eines 14-jährigen Jungen zu beschreiben. Das ist überraschend und erfrischend und führt dazu, dass man mit Begeisterung bis zum Ende dabei bleibt. Die Jury findet: Tiemo Rink ist eine wunderbar einfühlsame Reportage gelungen, die den ersten Preis des Reportagepreises für junge Journalisten verdient.

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© Süddeutsche.de/plö
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