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Scheidungen in Zeiten der Krise:Rosenkrieg und Häuserkampf

Das Eigenheim fast wertlos, das Aktiendepot perdu: Die Finanzkrise sorgt für Streit unter Liebenden - und für immer härtere Scheidungen.

Hannah Wilhelm

Eine fiese Finanzkrise ist für die Ehen von Vermögenden nicht gerade förderlich. "Die Kreditklemme bringt auch eine düstere Seite der menschlichen Natur hervor", sagt Sandra Davis von der englischen Anwaltskanzlei Mishcon de Reya.

Scheidungen in Zeiten der Krise: Rosenkrieg und Häuserkampf, dpa

Wieder aktuell: Im Film "Der Rosenkrieg" streiten Kathleen Turner und Michael Douglas ums gemeinsame Haus.

(Foto: Foto: dpa)

Und sie muss es wissen, ist sie doch Expertin für Trennungen und die düstere Seite: Sie hat die Scheidungen von Prinzessin Diana, Top-Model Jerry Hall und Fußballstar Thierry Henry verhandelt. "Wenn es in einer Beziehung Probleme gibt, kann Geld die Risse kitten. Aber wenn das Geld weg ist, treten die Risse offen zutage." Ja, ja, die Finanzkrise, sie macht allen das Leben schwer.

Angesichts der aktuellen Krise befragte die Anwaltskanzlei Mishcon de Reya 2008 britische Börsenhändler und Hedgefonds-Manager zum Thema Partnerschaft. Das Ergebnis: 79 Prozent der Befragten glauben, dass Ehen in der Wirtschaftskrise eher scheitern.

Außerdem - so vermuten die Befragten - wollen Frauen noch schnell viel Geld abgreifen, bevor sich der konjunkturelle Abschwung im Gehalt des zukünftigen Ex-Gatten widerspiegelt. Doch so leicht ist das mit der Scheidung - vor allem in Amerika - gerade gar nicht. Und auch daran ist mal wieder die Finanzkrise schuld: Das Problem sind die stark gefallenden Immobilienpreise in den USA.

Früher - vor der Krise - war das Haus in Amerika in der Regel der Hauptteil des Vermögens, das bei der Trennung verteilt wurde. Entweder wurde die Immobilie verkauft und der erzielte Ertrag zwischen den Streitenden aufgeteilt, oder ein Partner zahlte den anderen aus.

Beides stellt sich in der aktuellen Lage als nicht mehr so einfach heraus: Verkaufen kommt oft nicht in Frage, da das mit einem großen Wertverlust einhergehen würde oder weil man die Immobilie derzeit einfach nicht losbekommt. Und auch das Auszahlen eines Partners gestaltet sich schwierig: Ist es doch kaum einzuschätzen, was das Eigenheim gerade wert ist - angesichts des rapiden Preisverfalls und der Tatsache, dass der Markt für Immobilien derzeit fast stillsteht.

Aus einem weiteren Grund ist das Auszahlen eines Partners problematisch: Sind doch neben den Häuserpreisen auch die Wertpapierdepots der Paare mit der Krise zusammengeschnurrt. Die Betroffenen sind verzweifelt - schließlich war das Recht auf eine finanziell ertragreiche Scheidung so etwas wie ein Grundrecht für die Ehefrauen vermögender Amerikaner. So zitiert die New York Times eine betroffene Dame mit den Worten: "Wir wollten es wirklich unbedingt freundschaftlich hinter uns bringen, aber die jetzige Situation belastet uns sehr. Ich möchte, dass er mich ausbezahlt. Dieses Geld wird doch mein einziges Einkommen sein. Es ist unglaublich aufreibend."

Und so eskaliert mancher Streit zwischen ehemaligen Liebenden zum Rosenkrieg - und das bisherige Vorgehen der Scheidungsanwälte wird auf den Kopf gestellt: "Früher haben wir immer dafür gekämpft, dass unser Mandant das Haus behalten konnte", zitiert die Zeitung Gary Nickelson, den Präsidenten der Amerikanischen Akademie der Scheidungsanwälte, "heute kämpfen wir darum, nicht auf dem wertlosen Kram sitzenbleiben zu müssen."

Fast fertig verhandelte Scheidungen müssen neu aufgerollt werden

Mittlerweile ist sogar jedes sechste Haus weniger wert als der Kredit, der darauf lastet - so die Angaben der Internetseite Economy.com der Ratingagentur Moody's. Mit anderen Worten: Die scheidungswilligen Paare besitzen noch viel, viel weniger, als sie dachten. Dies stellen sie aber erst fest, wenn die Immobilie angesichts der bevorstehenden Scheidung neu bewertet wird.

So müssen nun auch bereits fast fertig verhandelte Scheidungen neu aufgerollt werden. Viele basieren noch auf den Immobilien- und Aktienpreisen vom vergangenen Jahr. Angesichts des Wertverlusts werden Nachverhandlungen nötig. Daran verdienen die Scheidungsanwälte. Und so werden die Scheidungen immer teuer, wobei es immer weniger zu verteilen gibt. Ein unbefriedigendes Geschäft für die Paare, die doch nichts anderes wollen, als möglichst schnell den Bund fürs Leben zu lösen.

Gerüchten zufolge gibt es sogar Paare, die nach der Scheidung weiter zusammen in einem Haus leben, weil sie es nicht verkaufen wollen oder können. Einige US-Rechtsanwälte berichten gar schon, dass Paare angesichts der finanziellen Probleme lieber wieder zusammenrücken und von einer Scheidung absehen. Ein alter Witz unter Anwälten lautet: Warum ist eine Scheidung so teuer? Weil sie es wert ist. "In der jetzigen Zeit", sagt ein Scheidungsanwalt in Anlehnung an den Witz, "muss die Scheidung es wirklich wert sein."

© SZ vom 03.01.2009/hai
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