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Reinhold Messner:Autonomie und Abgrund

Reinhold Messner geht wieder einmal der Frage nach, warum Menschen auf Berge klettern. Trotzdem ist sein Buch die Summe eines einzigartigen Bergsteigerlebens.

Das Matterhorn ist der Schauplatz alpinistischer Heldenepen, der Ortler der Berg existentieller Erfahrungen. Fast 4000 Meter ragt der höchste Gipfel Tirols in den Himmel. Thomas Bernhard, wegen seines Lungenleidens außerstande, sich solchen Regionen überhaupt nur zu nähern, hat Ende der sechziger Jahre am Ortler eine Erzählung angesiedelt, die mancher Kenner für einen frühen Höhepunkt seines Werks hält ("Am Ortler").

Bergsteigen als Ausdruck menschlicher Autonomie - Messner liefert Antworten auf die Frage nach dem Warum.

(Foto: Foto: dpa)

Sie handelt von zwei Brüdern, Artist der eine, Wissenschaftler der andere. Als Kinder wurden sie von ihren Eltern regelmäßig den Berg hinaufgequält. Jetzt machen sie sich noch einmal auf den Weg nach oben - und die Tour gerät zur dialogischen Dauerreflexion über die Wissenschaft und die Kunst, die Existenz und das Scheitern.

2004 bricht Reinhold Messner mit zwei anderen Bergsteigern auf, um den Ortler über die Westwand zu bezwingen, eine vergessene Route, die von den Erstbesteigern genau 200 Jahre vorher gegangen wurde. Der Aufstieg erweist sich als schwieriger als erwartet, das Wetter schlägt um, einige Male droht eine Katastrophe.

Sollte sich der Kreis schließen und der vielleicht bedeutendste Bergsteiger in der Geschichte des modernen Alpinismus ausgerechnet in den Bergen seiner Südtiroler Heimat zu Tode kommen, von wo er einst auf die Gipfel dieser Welt aufgebrochen ist?

Bekanntlich ging das Abenteuer gut aus. Und schon damals, zum Jubiläum, legte Messner einen reich bebilderten Band über den Ortler vor. Dieses Jahr nun, da er 65 Jahre alt wird und seine langjährige Lebensgefährtin geheiratet hat, kommt er noch einmal auf den Ortler und die abenteuerliche Jubiläumstour zurück. "Westwand" heißt sein neuestes Buch, und man kann es als Summe und Vermächtnis eines einzigartigen Bergsteigerlebens lesen.

Der Weg auf den Ortler durch die Westwand legt die Route fest. Messner, ein hochbegabter Erzähler, erinnert sich noch einmal an den Aufstieg, den er und seine Kameraden recht selbstsicher angegangen waren, obwohl er von Anfang an ein ungutes Gefühl verspürt hat. Der Fels klettert sich schwieriger als gedacht, Nebel ziehen auf, die drei verlieren die Orientierung.

Messner denkt an ähnliche Situationen auf Hochtouren in den Alpen und im Himalaya - und nimmt den Bericht über die beinahe gescheiterte Ortler-Besteigung zum Ausgangspunkt einer grundlegenden Reflexion über das Bergsteigen, die, gewissermaßen leitmotivisch, immer wieder zum Weg auf den Ortler zurückkehrt.

Und immer wieder: Warum?

Auch wer als schlichter Bergfan niemals dort stehen wird, wo ein Messner erst so richtig aufblüht, auch wer schon 3000 Meter über dem Meeresspiegel ganz zufrieden ist mit sich selbst, kommt um die Frage nicht herum, warum er sich das alles antut, die Anstrengung oder das Risiko eines schweren Unfalls, vom frühen Aufstehen ganz zu schweigen.

Erstaunlicherweise findet auch ein solcher Bergtourist bei Messner ein paar ganz brauchbare Erklärungen, die schon allein deshalb überzeugen, weil sie von einer besonderen alpinistischen Erfahrung gedeckt sind.

Wenn wir auf Berge steigen oder klettern, versichern wir uns unseres freien Willens. Niemand außer uns selbst kann uns zu den Strapazen einer Tour zwingen. Die Berge versprechen die Möglichkeit, ganz bei sich selbst zu sein. Wer sich auf den Weg nach oben macht, braucht kein Publikum. Im Gegenteil: Schlangestehen vor dem Gipfel nervt.

Die Erfahrung des eigenen, freien Willens verstärkt sich durch die Erfahrung des eigenen Körpers, dessen Bewegungen sich dem alpinen Terrain anpassen müssen und dessen Ressourcen bei einer großen Tour bis an die Grenzen ausgereizt werden.

Ein bisschen schwindelig

Reinhold Messners Reflexionen über dieses Versprechen einer Erfahrung archaischer Freiheit kommen angenehm unprätentiös daher. Ein bisschen schwindelig wird dem Leser nur dann, wenn er bei der Schilderung gewagter Klettereien künstlerische Kategorien bemüht: Denn mit der ästhetischen Erfahrung künstlerischer Autonomie verhält es sich vielleicht doch etwas anders als mit der atemberaubenden Autonomie eine Freeclimbers. Man sollte da nichts vermischen, im Interesse der Kunst wie der Berge übrigens.

Was aber geht aber nun vor in einem Menschen, der, nur mit zwei Fingern in eine Felsspalte verhakt, ohne technische Sicherung über einem mehrere hundert Meter tiefem Abgrund klettert? Das moralische Verdikt der Verantwortungslosigkeit ist schnell bei der Hand, und Messner würde solchen Vorwürfen auch gar nicht widersprechen. Sich von der Moral der Masse zu lösen, gehört für ihn zu einer konsequent verstandenen Autonomie. Man spürt, dass da einer seinen Nietzsche gelesen hat.

Der Vorwurf der Verantwortungslosigkeit ist der Preis für die intensivsten Erfahrungen an der Schwelle von Leben und Tod, die das Gebirge zu bieten hat. Messner spricht da vom Gefahrenraum, den er betritt, sobald er das für den Menschen sichere Terrain verlässt, Michel Foucault hätte solche Gegenden eine Heterotopie genannt.

Der Gefahrenraum bietet Expositionen an, womit Grade der Gefährdung gemeint sind, die sich über unterschiedlich tiefen Abgründen auftun. Es ist erstaunlich, wie technisch Messner an diesen Stellen schreibt, vielleicht, weil nun der archimedische Punkt seines Lebens als Bergsteiger und Abenteurer erreicht ist, an dem es ihm die Sprache verschlägt. Über dem Abgrund schwebend, das eigene Überleben abhängig von Kondition, Können und intuitiv richtigen Entscheidungen: Das ist die vollkommenste Verwirklichung menschlicher Autonomie.

Sie führt zu einem puristischen Ideal des Bergsteigens, das nur die notwendigsten technischen Hilfsmittel zulässt und eine Mount-Everest-Besteigung mit Sauerstoffgeräten nicht gelten lassen kann. Man kann das als Spinnerei abtun, man kann darin aber auch eine Haltung entdecken, die uns die irreversible Zerstörung der Berge durch Seilbahnen, Klettersteige und künstlich modellierte Pisten erspart hätte.

Wer glaubt, den Menschen mit technischen Hilfsmitteln vor den Gefahren der Berge schützen zu können, verrät eben diese Berge. Wenn Messner gegen den offenbar unaufhaltsamen Umbau der Alpen in einen gigantischen Freizeitpark polemisiert, wenn er sich mit Alpenvereinsfunktionären und ökologischen Gutmenschen anlegt, die angesichts der Klimaerwärmung im Sommer die Reste der Gletscher mit Planen abdecken, um sie vor der Sonne zu schützen: Dann klingt sein Zorn wie jener des Thomas Bernhard, der nie auf dem Ortler gewesen ist.

Er werde kürzer treten, kündigt Messner an, wie immer man sich das vorstellen mag. Dass er allzu lange im Abendrot bei Speck und Rotwein vor seiner Burg über dem Etschtal sitzt, kann man ja nicht recht glauben. Mit seinem Sohn ist er schon ein paar interessante Touren gegangen. Der Bub soll sich dabei nicht ungeschickt gezeigt haben.

REINHOLD MESSNER: Westwand. Prinzip Abgrund. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2009. 252 Seiten, 19,90 Euro.

© SZ vom 18.08.2009/bilu

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